ZDF-Chefredakteur Brender : "Politik hat sich im Leben der Bürger zu bewegen"

Castingshow nein, Debattierklub ja: Das ZDF sucht Nachwuchspolitiker. Im Interview spricht ZDF-Chefredakteur Brender über neue Sendeformate, die junge Menschen für Politik begeistern sollen - auch wenn ihnen der Sender den Einzug ins Kanzleramt nicht versprechen kann.

Nikolaus Brender
Nikolaus Brender -Foto: ddp

Herr Brender, das ZDF hat sich die deutschen Rechte für das Format „The Next Great Leader“ gesichert. Was ist das anderes als die neue Castingshow „Deutschland sucht den Super-Kanzler“ unter Anleitung von Johannes B. Kerner?

Eines ist sicher: Wir werden dem Sieger des Wettbewerbs keinerlei Garantie geben, jemals ins Kanzleramt einziehen zu können. Und wir können nicht einmal einen festen Listenplatz für die nächste Bundestagswahl versprechen. Sogar die Aussicht auf ein aussichtsloses Direktmandat ist verhangen. Und Kerner wird auch dazu keine Anleitung geben.

Jetzt wissen wir, was nicht kommt. Was kommt dann – und wann?

Die Sendung mit dem Projekttitel „Ich will hier rein“ ist geplant für das Wahljahr 2009. Am genauen Konzept des Formates, das ja im kanadischen Fernsehen ganz gut gelaufen ist und auch von der BBC erworben wurde, arbeiten wir jetzt. Das ist keine Castingshow. Das wäre auch absurd. Die Idee ist, junge Leute vermittels dieser Sendung für Politik zu interessieren. Sie sollen in verschiedene Rollen von Politikern schlüpfen. Übrigens ist das nicht neu: Es gibt ja schon Debattierklubs, siehe nur jenen der „Zeit“, oder entsprechende Planspiele der Initiative „Jugend und Parlament“, die vom Bundestag gefördert wird.

Sie wollen die Wahlbeteiligung steigern?

Ja, wir wollen junge Leute für Politik interessieren. Heißt: Wir werden für das Wahljahr 2009 noch weitere Formate entwickeln.

Der CDU-Medienexperte Reinhard Grindel hat schon Kritik geübt: „So wie Daniel Küblböck kein Gesangsstar wurde, bezweifele ich, dass eine Castingshow gute Politiker hervorbringt.“ Da hat er recht, oder?

Reinhard Grindel hat im Zweifel immer recht. Seine schnelle Kritik bringt mich noch auf eine besondere Idee für unsere neue Sendung. Frage: Wer ist der schnellste Reflexpolitiker? Die Antwort ist: Wer Konzepte zwar noch nicht kennt, aber auf alle Fälle schon eine Stellungnahme dagegen abgibt.

Da ist der Abgeordnete Grindel den Journalisten so unähnlich nicht.

Wir haben jetzt über Politiker gesprochen. Dasselbe könnte auch über Journalisten festgestellt werden.

Bundestagspräsident Norbert Lammert fordert mehr Übertragungen aus dem Parlament. Der ZDF-Chefredakteur fordert, die Ereignisse im Bundestag müssten „publikumsfreundlicher und spannender“ gestaltet werden. Welche Ideen haben Sie?

Zunächst, ich bin nicht der Zeremonienmeister des Bundestags. Zum Zweiten bin ich durchaus der Meinung von Herrn Lammert, dass die wichtigen Debatten von ARD und ZDF häufiger übertragen werden müssten. Die Debattenkultur in anderen Ländern zeigt allerdings, dass die parlamentarische Demokratie direkter und packender vermittelt werden kann. Ein gutes Beispiel sind die Debatten im britischen Unterhaus. Ein Beispiel, wie es nicht funktioniert, sind die Fragestunden im Deutschen Bundestag. Die Fragestunden finden ohne Frage statt. Es werden die Antworten zu den Drucksachen vorgetragen, die Frage muss sich jeder Zuhörer und Zuseher selbst zusammenreimen. Wenn die Abgeordneten wollen, dass sich das Publikum für die Sitzungen via Fernsehen interessiert, dann müssen sie so abgehalten werden, dass die Zuschauer sie sehen wollen.

Fordern Sie vom Bundestag nicht etwas, was das ZDF selbst nicht leistet? Die innenpolitische Berichterstattung des ZDF ist so spannend ja nicht.

Tolle Frage. Komplizierte Politik darzustellen, ist immer schwierig. Wir versuchen neue Formate, siehe nur die veränderte Dramaturgie in „Berlin direkt“. Das wird belohnt. In der Regel über drei Millionen Zuschauer, das ist schon etwas.

Treiben Sie die Politik nicht Richtung Fernsehen, damit das Fernsehen profitiert?

Nein, es ist beides. Politik hat sich in der Realität, im Leben der Bürger zu bewegen. In den Vermittlungsformen des Fernsehens muss sie sich mediengerecht verhalten. Politik muss sich so darstellen, dass die Zuschauer ein Interesse an der Politik finden. Die Verantwortung des Fernsehens ist die Vermittlungsarbeit.

Nikolaus Brender
ist Chefredakteur des Zweiten Deutschen Fernsehens in Mainz. Mit ihm sprach Joachim Huber.

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