ZDF-Dreiteiler "Honigfrauen" : Jung sein, frei sein – Stasi muss dabei sein

Ost-West mal nicht als Mauerschau: Der ZDF-Dreiteiler "Honigfrauen" macht den ungarischen Plattensee zum Schauplatz von Geschichte und Geschichten.

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Richtung Abenteuer. Die Schwestern Catrin (Cornelia Gröschel, links) und Maja (Sonja Gerhardt) können gar nicht schnell genug an den Plattensee kommen.
Richtung Abenteuer. Die Schwestern Catrin (Cornelia Gröschel, links) und Maja (Sonja Gerhardt) können gar nicht schnell genug an...Foto: dpa

Liegt es an den Zeitläuften oder liegt es an der Perspektive? Die Zeitläufte könnten bedeuten, dass die DDR und damit ihr größtes Ungeheuer, die Stasi, in milderem Licht gesehen wird. Perspektive hieße Perspektivwechsel. Die Stasi, das sind nicht mehr die Wofasept-getränkten Böden, die schneidigen Verhörer in ihren lächerlich sitzenden Anzügen, die Gefangenen nicht länger gedemütigt vom brutalen Regime aus Vernehmung und Zelle.

Die „Honigfrauen“ im ZDF votieren für Perspektivwechsel. Die Stasi, das ist dann die Brigade Balaton, die am Plattensee stationiert war. In allerhöchster Alarmstimmung, weil sich in Ungarn die Deutschen aus Ost und aus West trafen und die österreichisch-ungarische Grenze für Fluchtwillige und ihre Helfer durchlässig war.

Der ZDF-Dreiteiler als „Weissensee“ auf Betriebsausflug? „Weissensee“, das ist die ARD-Serie, die ein sehr genaues, sehr kalt und grau gezeichnetes Bild der „Stasisten“ in und um Berlin herum zeichnet.

Da springen die „Honigfrauen“ anders in die deutsch-deutsche Geschichte. Es ist 1986, der Sommer beginnt für die Schwestern Catrin Streesemann (Cornelia Gröschel) und Maja (Sonja Gerhardt) sehr verheißungsvoll. Endlich haben sie die lang ersehnte Reiseerlaubnis für ihren ersten Urlaub am Balaton. Bepackt mit ordentlich Reiseproviant ihrer Mutter Kirsten (Anja Kling) und noch mehr Ratschlägen ihres Vaters Karl (Götz Schubert) brechen die jungen Erfurterinnen nach Süden auf. Das wird der schönste Urlaub ihres Lebens, da sind sie sich sicher. Mutter Kirsten hat aus der Not eine Tugend gemacht und die Vorhänge zu sehr schicken Bikinis verarbeitet. Die Stasi-Brigade „Balaton“ ist schon da, sie betreibt Ausspähung in Badehosen.

Der Fluchthelfer ist kein Gutmensch

Auch weil Tamás Szabo (Stipe Erceg), der Chef der „Balaton-Residenz“, unter der Hand Fluchthilfe betreibt. Er ist kein selbstloser Gutmensch, er lässt sich dafür reichlich bezahlen, ihn locken das Abenteuer und noch mehr der Thrill. Die Stasi-Leute haben ihn auf dem Schirm, vor allem Rudi Hartwig (Franz Dinda) möchte dem Profiteur des „Klassenfeindes“ das Handwerk legen. Mit Tamás und Rudi sind die Männer-Drohnen für die „Honigfrauen“ installiert.

„Honigfrauen“ ist ein Einfall von Autorin und Produzentin Natalie Scharf. Im Presseheft schreibt sie, „so nannten die Jungs aus meiner damaligen Clique die DDR-Mädchen, die sie in Ungarn trafen. Weil die Mädels aus dem Osten einfach witziger und süßer waren.“ Aber Ost-West bildet nicht das Zentrum des Dreiteilers, so sehr Deutsch-Deutsches und damit die Verwerfungen jener Zeitgeschichte mit hineinspielen. Rudi, der angebliche Computerspezialist aus Mühlhausen, kann mit Catrin anbandeln, während Maja magisch angezogen wird von Tamás und seinem schicken Luxushotel, in dem ausschließlich Westtouristen wohnen. Auch Catrin hatte sich in den Charmebolzen verliebt, doch Maja holt sich bei erster Gelegenheit den ersten Kuss.

Schon legt sich ein Schatten über das Verhältnis der Schwestern, doch richtig trübe wird es am sonnensatten Plattensee erst, als Mutti Kirsten und Vati Karl ihr Kommen ankündigen. Kirsten Stresemann muss verhindern, dass ihr sorgsam gehütetes Geheimnis auffliegt.

Karl ist nicht der leibliche Vater von Catrin, sie ist die Tochter von Kirstens Jugendliebe Erik Waller (Dominic Raacke). Der war aus der DDR abgehauen, seine schwangere Freundin hatte er im Stich gelassen. Drei Mal im Jahr ruft er an, drei Mal nimmt Kirsten ab. Daher weiß sie, dass Erik, der im Westen sein Glück gemacht, nicht aber glücklich geworden ist, auch auf dem Campingplatz am Balaton sein Zelt aufgeschlagen hat – um endlich seine Tochter kennenzulernen. Kirsten ist alarmiert, nötigt Karl zum Aufbruch, Karl, den schlitzohrigen Postbeamten, nicht der Traummann schlechthin, dafür aber von einer Solidität, mit der sich ein gesichertes Leben leben lässt.

Schnell schwindet die sommerliche Leichtigkeit

Die sommerliche Leichtigkeit ist endgültig mit schweren Wolken überzogen. In der Familie Streesemann kriselt es mehr und mehr, der Dreiteiler lädt sich mit Drama und Dramatik auf, der Fluchtversuch des DDR-Bürgers Timo (Sebastian Urzendowsky) endet tödlich. Karl wird zum Spitzeldienst gepresst. Haltungen und Überzeugungen geraten in Unordnung, ins Wanken, es muss und es wird neu justiert.

Ein Film, insbesondere ein „Eventdreiteiler“ mit solcher Thematik, gerät unweigerlich unter Skepsisverdacht. Für die Phase, als es noch keine Ossis und Wessis gab, sondern nur West und Ost, hüben und drüben, Kapitalismus und Sozialismus in feindlicher Habachtstellung, hat sich bei Zuschauern wie Machern eine energische Erwartung aufgebaut: Es muss stimmen, möglichst alles, nicht unbedingt nach „wahren Begebenheiten“, wohl aber nach wahrscheinlichen. Jede DDR-Fiktion muss ihre DDR-DNA beweisen können – sonst hagelt es Proteste.

Wie sich das herstellen lässt? Zunächst über das Szenenbild und das Kostüm. Frank Godt und Maria Schicker und ihre Teams haben hervorragende Arbeit geleistet. Schicker kleidet das (Ost-)Ensemble in Hosen, Pullover, Röcke, die ihre Rollen fein unterstützen, die Charaktere konturieren. Beim (West-)Teil hat die Kostümbildnerin alle Hemmungen dreingegeben. Ein Regenbogen an Farben, Schulterpolster, enge Taillen, hemmungsloses Bling-Bling. Der Westler hat mehr Geld als Geschmack.

Szenenbildner Frank Godt hat eine umfassende Recherche nach Originalen hingelegt, um einen Campingplatz von 1986 wiederauferstehen zu lassen, bis hin zu den „Klappfix“-Wohnwagenzelten. Selbst die Wäscheklammern sind historisch. Das Setting ist gebaut, die Kostüme sind genäht, der Zuschauer kann sich einlassen auf den Dreiteiler. Jetzt muss sich die Story beweisen, in dreimal 90 Minuten, eine Herausforderung, keine Frage.

„Honigfrauen“ arbeitet in der DDR-Darstellung in der Möglichkeitsform, beglaubigt vor allem über die Form. Der Film ist fern der Mythologisierung, das interessiert den Film und seine Macher nicht. Natalie Scharf und Christoph Silber haben ein Drehbuch mit Charakter, Standfestigkeit und Ausdauer geschrieben. Charme ist in homöopathischen Maßen eingearbeitet, die nicht unerträgliche Spannung wird mit Running Gags gelockert. So gibt sich ein Paar dem Sex derart intensiv hin, dass der Zeltaufbau auf dem Trabi mächtig ins Wanken gerät. Und die Stasi hört das Stöhnen und Schreien mit, weil die Schwestern die im eigenen Zelt entdeckte Wanze ins Triebzelt geschmuggelt haben.

Westler mit viel Geld und Arroganz

Die Stasi drischt ein paar klassenkämpferische Sätze zu viel, einige Westler-Figuren hängen Motz und Arroganz und geldwerte Vorteile ein bisschen schwer über die Cabrio-Tür, nicht alles und jeder im Dreiteiler ist fein gearbeitet. Das jedoch betrifft die Peripherie, im Zentrum herrschen bei aller Betriebsamkeit Sorgfalt, bei aller Aufregung Orientierung, bei aller Divergenz Stringenz. Der Dreiteiler folgt einem menschlichen Maß. Regisseur Ben Vorbong will keinen Preis an Originalität gewinnen. Er inszeniert mit dem Plot für den Plot, keine Ecken, keine Windungen, wackel- und störungsfrei rollt die TV-Erzählung ab. Verbong übersetzt das Narrativ von Natalie Scharf in ein Fernsehnarrativ, Dolmetschen ist seine Aufgabe, nicht Interpretieren.

Die wesentlichen Rollen sind – Obacht, DDR-DNA – mit „Ostkräften“ besetzt. Götz Schubert, Anja Kling, klar, für die Schwestern-Partien wurden Cornelia Gröschel und Sonja Gerhardt engagiert. Gröschel wurde zwei Jahre vor dem Mauerfall geboren, Gerhardt 1989. Und der Erik, das ist Dominic Raacke, einer aus dem Westen, er fährt einen Amischlitten, schiebt sich die Sonnenbrille mit einer Lässigkeit ins Haar, wie es nur der erfolgreiche Westler kann. Fernsehmachen ist einfach, wenn das Fernsehen es sich einfach macht.

Das Ensemble füllt seine Figuren mit Leben. Die Kirsten Streesemann ist in der Darstellung der Anja Kling weit mehr als die Mutti mit den Schneiderhänden. Auch hier soll das Leben nicht nur die abgesicherte Existenz sein, Ein Schuss Aufregung, ein bisschen Glamour, das verbindet sich mehr mit der Jugendliebe Erik als mit dem gewissenhaften Karl. Erik war Mittelstürmer, Karl Verteidiger in der Mannschaft, die Kirsten damals angefeuert hat, bis Erik rübergemacht hat.

Götz Schubert mit Schwejk-Anmutung

Götz Schubert spielt Karl. Keiner trägt den Feinripp mit mehr Überzeugung, nicht einmal Franz Dinda als undurchsichtiger Stasi-Camper Rudi Hartwig. Schubert agiert ausgenommen präzise und gönnt seiner Figur mehr als einen hochkomischen Moment. Da schwingt die Schwejk-Klasse mit. Und am Ende holt der brave Postbeamte zum großen Schlag aus.

Cornelia Gröschel und Sonja Gerhardt als ungleiches Schwesternpaar. Carin, die Oberschullehrerin für Französisch und mit dem Paris-Stadtplan im Kopf, Maja, die in der „Balaton-Residenz“ den verbotenen und zugleich erreichbaren Sehnsuchtsort erkennt. Das Leben ist eine Summe von Möglichkeiten – welche willst du nutzen? Die Gröschel und die Gernhardt, das ist glaubwürdiges Schauspiel, als sei es vom Leben selbst testiert.

Und subkutan, ja beiläufig erzählt „Honigfrauen“ von Leben und Lebensentwürfen in der Deutschen Demokratischen Republik, die einfach schön und befriedigend gelebt werden wollten. Mit Stasi, mit Mangel, mit Komplexen, mit Erfolgen wie Niederlagen. Einfach Menschenleben. Der Dreiteiler gibt der Thematik eine bestimmte Gelassenheit zurück. Umgeschrieben werden muss die deutsch-deutsche Geschichte nicht, freilich dürfen neue Kapitel dazukommen. „Honigfrauen“ erzählt eines davon.

„Honigfrauen“, ZDF, Sonntag, 23. April, 30. April, 7. Mai, jeweils 20 Uhr 15

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