Medien : ZDF: Ein Traumschiff wird kommen ...

Jutta Heess

Autofahrer, die in naher Zukunft über den Mainzer Ring in die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt kommen, werden ihren Augen nicht trauen: Ist da ein Luxusdampfer auf dem Lerchenberg gestrandet? Der Anblick des 28 Meter hohen und 150 Meter langen Traumschiffs wird jedoch keine Fata Morgana sein, sondern das Herzstück des ZDF-Medienparks, der im Frühjahr 2004 seine Tore öffnen soll. Nach zweieinhalbjähriger Diskussion hat der Stadtrat den Bebauungsplan gebilligt. Auf einem 55 Hektar großen Gelände hinter dem Sendezentrum möchte das ZDF gemeinsam mit der Tochterfirma ZDF Enterprises und der Medienparkentwicklungsgesellschaft (MPEG) einen programmbezogenen Freizeitpark errichten - zur "Stärkung der Dachmarke ZDF", wie Intendant Dieter Stolte erklärt.

Stärken will sich der Sender mit zahlreichen begeh- und befahrbaren Attraktionen: Der Medienpark-Besucher kann zum Beispiel die simulierte Reise eines Fernsehsignals antreten, mit Terra X-Forschern über wackelige Brücken kraxeln und in der Krimi-Street mit Derrick knifflige Fälle lösen. Und sich abschließend im Hotelrestaurant, das sich im originalgetreuen Nachbau des Traumschiffs verbirgt, vom vollen Programm zum Anfassen erholen.

Doch in einem Boot sitzen Beteiligte und Betroffene noch lange nicht. Eine Bürgerinitiative wehrt sich mit allen Kräften gegen das 250-Millionen-Mark-Projekt und hatte vor dem Votum des Stadtrats für den Medienpark zwei Einwohneranträge mit je 4000 Unterschriften eingereicht. Zum einem forderten die Unterzeichner die Stadt Mainz auf, vom ZDF ein Bodennutzungskonzept zu verlangen, für den Fall, dass das Projekt scheitert. Im Klartext heißt das: Wohin mit dem riesigen Traumschiff und den anderen Bauten, wenn der Medienpark pleite macht? Zum anderen schlug die Bürgerinitiative vor, die Stadt solle einen Gutachter beauftragen, um zu prüfen, ob sie nicht Ansprüche auf das Gelände hat. Denn in den 60er Jahren hat Mainz dem ZDF mehr als eine Million Quadratmeter Fläche für lediglich 13 Mark pro Quadratmeter überlassen - allerdings mit der Bedingung, dort Sendeeinrichtungen zu bauen. Die Nutzung von 55 Hektar für den Medienpark steht nach Ansicht der Bürgerinitiative nicht mit der damaligen Geschäftsgrundlage in Einklang. Die Stadt könne das Gelände, das mittlerweile 150 Millionen Markt wert ist, eventuell zurückfordern. Der Stadtrat prüfte beide Anträge und lehnte sie schließlich ab. "Für mich ist es unverständlich, dass Mainz nicht bereit war, diese Gutachten zu erstellen ", sagt Friedrich Begemann, Sprecher der Bürgerinitiative. "Aber die Stadt will den Medienpark um jeden Preis. Bloß die Einwohner nicht."

Dabei hat Stolte vor zwei Jahren noch versprochen, "die Ziele des ZDF mit den Interessen der Bürger in Einklang zu bringen". Doch der neue Nachbar wird vor allem die Bewohner der angrenzenden Stadtteile verärgern. Sie rechnen mit einer enormen Lärm- und Verkehrsbelästigung durch den Mainzelmännchen-Jahrmarkt; der Wert der Häuser im Wohngebiet Lerchenberg ist seit Bekanntgabe der Pläne um knapp 20 Prozent gesunken. "Wir werden wahrscheinlich eine Normenkontrollklage gegen das ZDF einreichen", kündigt Begemann an. Vorerst wolle man aber das Urteil des Oberlandesgerichts Koblenz abwarten. Am 21. August wird hier über die Klage von drei Freizeitparks entschieden. Nach Ansicht der Betreiber des Holidayparks in Hassloch, des Phantasialands in Brühl und des Safarilands Stukenbrock verstoße die TV-Anstalt gegen das Rundfunk- und Wettbewerbsrecht. Das ist jedenfalls das Ergebnis eines Gutachtens des Leipziger Juristen Christoph Degenhart, das von den Freizeitparks in Auftrag gegeben wurde. "Ein Medienpark in der Form, wie er vom ZDF geplant ist, insbesondere mit Fahrgeschäften, Simulatoren und ähnlichen typischen Attraktionen eines Freizeitparks gehört nicht zu seinem gesetzlichen Aufgabenbereich und kann diesem auch nicht in verfassungskonformer Weise zugeordnet werden", lautet das Urteil Degenharts.

Ein vom ZDF in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten kommt zu einem anderen Urteil: Der Marburger Jurist Georgios Gounalakis bewertet den Medienpark als eine zulässige Form der Öffentlichkeitsarbeit. Allerdings müssten alle Attraktionen einen deutlichen Programmbezug haben. Stellt sich wiederum die Frage, was "deutlich" bedeutet: Ist da beispielsweise die Betitelung eines Kettenkarussells mit "Hier fliegt das ZDF" schon ausreichend? "Das ist alles so vage", sagt BI-Sprecher Friedrich Begemann und klagt über "das dünne Eis der juristischen Unwägbarkeiten".

Klar dagegen ist, dass das ZDF den Park nicht mit Rundfunkgebühren finanzieren darf. Deshalb wurde in den letzten Jahren nach einem Investor gesucht. Jetzt hat der Sender mitgeteilt, dass das Frankfurter Immobilienunternehmen Hortana Development das Projekt realisieren soll. "Wir hoffen, dass im Herbst alle Verträge abgeschlossen sind, so dass wir im Frühjahr 2002 mit dem Bau beginnen können", erklärt MPEG-Geschäftsführer Peter Wagner. Zum Leidwesen der Anwohner. Doch Wagner versichert: "Den Bedenken der Bürger haben wir massiv Rechnung getragen." Zum Beispiel sei im städtebaulichen Vertrag festgelegt worden, dass ein Lärmpegel von 43 Dezibel nicht überschritten werden darf. Außerdem werde ein mehr als zehn Hektar großer Grünstreifen für den Naturschutz freigelassen. Der Klage der drei Freizeitparks sieht Peter Wagner mit Spannung, aber auch mit Optimismus entgegen: "Den Vorwürfen eines unlauteren Wettbewerbs - bevor es überhaupt einen Wettbewerb gibt -, können wir vor Gericht klar und mit überzeugenden Argumenten entgegengetreten." Außerdem basiere das Projekt auf einem klar programmbezogenen Konzept mit Edutainment- und interaktiven Elementen. "Der Medienpark wird kein Rummelplatz." Vielleicht aber das ZDF zum weltweit ersten "Vanity Fairnsehen".

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