ZDF-Fernsehfilm "Zwei allein" : Den Tod erschießen

Der TV-Film „Zwei allein“ ist zugleich Krimi und eine todtraurige Filmtragödie. Elmar Weppers Spiel erinnert an seinen großen Auftritt in "Kirschblüten".

Nikolaus von Festenberg
Benedikt Sattler (Elmar Wepper) hat seine Frau an den Krebs verloren. Seine Trauer ist mörderisch.
Benedikt Sattler (Elmar Wepper) hat seine Frau an den Krebs verloren. Seine Trauer ist mörderisch.Foto: ZDF

Was heute ist und gestern war – wir Zuschauer müssen in diesem als Krimi getarnten Trauerspiel, das ursprünglich „Die schwarze Hand Gottes“ heißen sollte, dann aber – Gott sei Dank – in „Zwei allein“ umgetauft wurde, erst auseinanderzuhalten lernen. Höchstens mal eine kurze Schwarzblende trennt die Gegenwart von der Vergangenheit. Merkwürdig aber: Anders als bei anderen TV-Filmen ist die Zeitenvermischung kein bloßes dramaturgisches Reizmittel, sondern fügt zusammen, was in seiner Verzweiflung und Melancholie zusammengehört: ein Unheil, geboren aus Schicksal, Verschweigen und gewaltsamer Selbstermächtigung.

Der Busfahrer Benedikt Sattler (Elmar Wepper) und seine Frau Henriette (Gundi Ellert), die zusammen mit ihrer Schwester Linda (Johanna Bittenbender) in einem Schuhgeschäft gearbeitet hat, müssen ursprünglich eine fröhliche Gemeinschaft gewesen sein. Aufgehoben in einem geschlossenen Münchner Kleineleute-Milieu mit kleinen hedonistischen Fluchten, zu denen eine riskante Spritztour in Benedikts Bus durchs nächtliche München gehörte.

Dann kommt der Krebs. Henriette erkrankt und erfährt, dass es keine Rettung für sie gibt. An der Seite ihrer Schwester kann sie sich ausweinen, ihr Mann jedoch versinkt stumm und zornig in eine Depression. Er will kein Trauerkloß werden, er entwickelt sich zu einem aggressiven Trauerklotz. Statt sich innerlich mit dem drohenden Verlust auseinanderzusetzen, bewaffnet er sich mit mörderischen Plänen, als könne man den Tod erschießen. Aus jeder an Schautafeln einer Moritatenpräsentation erinnernden Szene spürt der Zuschauer, dass die Situation immer unerträglicher wird.

Autor Friedrich Ani und Regisseur Stephan Wagner werfen die Krimimaschine an. Sie soll den Wind des Dramas in die depressive Geschichte bringen. Die todkranke Henriette wird bei einem Spaziergang mit ihrer Schwester auf der Straße von einem Vermummten ausgeraubt und erschossen. Kommissar Franke (Simon Licht) ermittelt, als gäbe es da einen unbekannten Mörder, aber dem einfältigsten Zuschauer wird bald klar, dass nur der Ehemann die Tat begangen haben kann. Am schlimmsten zu ertragen ist das freche und zugleich irre Schweigen, in das sich der Busfahrer gegenüber der Mitwelt hüllt. Der sonst so pflichtbewusste Busfahrer setzt sich – seiner Erinnerung an den einstigen abenteuerlichen Bus-Trip mit seiner Frau folgend – ans Steuer und unternimmt ohne Rücksicht auf andere Autofahrer eine Amokfahrt durch München. Die Polizei kann ihn stoppen, lässt ihn aber laufen, weil sie ihn als nervlich angeschlagenen Witwer bedauert und nicht erkennt, dass er die Tat begangen hat und nun als verzweifelter Kamikaze-Fighter wider die Überwältigung durch vernichtende Trauergefühle unterwegs ist.

In einer Passage erinnert der Film an den Germanwings-Absturz

Die Schwägerin Linda, die gegen den Willen des Busfahrers den Haushalt bei Benedict führt, muss entdecken, dass der Witwer in einer eigenen Wahnwelt lebt. Sie findet eine Pistole, sie klärt Benedicts Lügengeschichten gegenüber der Polizei auf. Bald weiß sie, dass der Mann durch den Überfall nicht etwa nur seine Frau von den im finalen Stadium unerträglichen Schmerzen der Krankheit erlösen wollte, sondern es ihm vor allem auch um sich selbst ging. Herrisch und stumm wollte er sich selbst von der Last der Trauer befreien. Benedict will nicht leiden, er will als mörderischer Tyrann seine Einsamkeit aushalten und hält den schrecklichen Mord für die einzig angemessene Reaktion auf seine innere Verzweiflung. An den schrecklichen Kopiloten Andreas Lubitz erinnert die Ohnmacht, die sich beim Zuschauer einstellt, wenn man zusieht, wie sicher, geradezu gelassen und unaufhaltsam ein Mensch in den Irrsinn schreitet.

Benedikt-Darsteller Elmar Wepper verdirbt seine Rolle nicht durch mephistophelische Lust am Bösen. Da erscheint kein Monster, sondern einer, den das Unglück unheilbar gekränkt hat. Die Vorführung seiner Vereinsamung hat etwas von bajuwarischer Selbstverständlichkeit. Sie rührt an und erinnert an Weppers großen Auftritt in Doris Dörries Film „Kirschblüten – Hanami“. Da will einer würdig und mannsbildmäßig erscheinen, um seine Hilflosigkeit zu unterdrücken. Die Traurigkeit soll sein Besitz bleiben, die Mitwelt hat in seinem Gefühlshaushalt nichts zu suchen.

„Zwei allein“, ZDF, Montag, 20 Uhr 15

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