ZDF-Film "Der Andere" : Meine Flucht, deine Flucht

Die Filmemacherin Feo Aladag und ihre Flüchtlings-Tragödie „Der Andere“ im ZDF.

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Zu zweit ist man weniger allein. Flüchtling Nama (Nama Traore, rechts) übernachtet bei Willi (Jesper Christensen) im Seniorenheim.
Zu zweit ist man weniger allein. Flüchtling Nama (Nama Traore, rechts) übernachtet bei Willi (Jesper Christensen) im Seniorenheim.Foto: ZDF und Anne Wilk

Er ist das stille Zentrum des Films: Nama Traore aus Mali. Regisseurin Feo Aladag traf den jungen Flüchtling 2014 in einem betreuten Wohnheim, lange vor dem Sommer, als so viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Die Regisseurin, Jahrgang 1972, hatte von der großen Zahl unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge gehört, sie wollte etwas tun und dachte: „Was kann ich denn? Geschichten erzählen.“ Also ging sie ins Wohnheim, setzte sich dort mit zwölf Jugendlichen zusammen. Einer davon war Nama, der Schweigsamste.

Jetzt spielt er sich selbst, im ZDF-Film „Der Andere“. Aladag hatte lange gecastet, bis sie merkte, am besten übernimmt Nama persönlich die Rolle. Denn da war diese unterschwellige Energie, nun ist sie im Film aufbewahrt. Einem Film, der die Kehrseite der deutschen Willkommenskultur zeigt, die überforderten, überarbeiteten Polizisten (Milan Peschel, Alwara Höfels) und Mitarbeiter in den Aufnahmestellen, die Bürokratie, die auch den Gutwilligsten das Helfen unmöglich macht. Dazu die feindseligen Nachbarn, als der alte Willi (der dänische Star Jesper Christensen) Nama in sein Haus holt. Eigentlich lebt Willi im Seniorenheim, aber da sind Mitbewohner verboten.

Feo Aladag, deren Karriere als Schauspielerin und Drehbuchautorin begann, hat bisher zwei Kinofilme gedreht. „Die Fremde“ (mit Sibel Kekilli, 2010) und „Zwischen Welten“ (2014) – beide auf der Berlinale uraufgeführt – handeln von Migration und dem Clash der Kulturen, von einer Türkin in Deutschland, von deutschen Soldaten in Afghanistan. Es ist das Zwischenweltliche, Zwischenmenschliche, das Aladag umtreibt.

Ein schneller, harter Film

Bei den Hofer Filmtagen, wo „Der Andere“ Premiere feierte, konnte man die gebürtige Wienerin als energische Filmemacherin erleben: „Die Flüchtlinge, die Sozialarbeiter, alle, die mit Geflüchteten zu tun haben, spüren ein ungeheures Mitteilungsbedürfnis“, berichtet sie von den Anfängen des Projekts. Als auch Nama sein Schweigen bricht, wird ihr das zur Verpflichtung, zumal das Flüchtlingsthema 2015 immer akuter wird. Sie will einen schnellen, harten Film drehen, „denn die Härte des Nicht-Kommunizierens existiert ja auch in der Realität“.

Schnell, das heißt Fernsehen, nicht Kino, auch als „Kommunikationsangebot für ein breiteres, diverseres Publikum“. Das ZDF machte mit, sie konnte ihren Film „völlig frei realisieren“, betont die Regisseurin. Und dass es hart wird, verrät gleich die Eingangsszene. Nama schleift eine Eisenstange hinter sich her, die auf den Steinplatten klappert, strömender Regen, kurz darauf Namas schreckgeweitete Augen. Unheil kündigt sich an, Gewalt, kein Happy-End.

„Der Andere“ trägt den Untertitel „Eine Familiengeschichte“: „Weil Familie, in welcher Form auch immer, die Keimzelle der Gesellschaft ist.“ Makrothemen im Mikrokosmos, gute Idee. Aber Aladag überfrachtet ihre Figuren, belädt sie mit ethischem, psychologischem, politischem Gepäck , lässt sie einzelne Aspekte des Flüchtlingssujets verkörpern. Geschichte und Gegenwart zum Beispiel: Willi ist ein deutscher Weltkriegsflüchtling, Nama erinnert ihn an die eigene Fluchtbiografie, daran, wie die Dänen ihn einst aufnahmen. Oder Verlustschmerz und Einsamkeit: Nama vermisst seine Mutter, findet im einsamen Pensionär Willi eine Ersatzfamilie. Oder Schuld und Verstrickung: Der Polizist Stefan ist Willis Sohn, er hat sein Kind verloren und gibt dem Vater die Schuld daran. Milan Peschel stattet diesen Stefan mit einer trauerzermürbten, unterschwelligen Aggressivität aus, die wegen Nama offen zutage tritt.

Der Film will viel, vielleicht zu viel

„Es geht unter anderem um alte Schuldfragen, die immer zu wackeligen Identitäten führen“, meint Feo Aladag. Drei Männer, drei Einsamkeiten, drei Traumata, ein heilloser Konflikt, das hätte genügt. Aber Aladag will auch noch die mörderische Xenophobie zeigen, den Asylalltag à la Lageso, die Hostels, in denen die Minderjährigen betreut werden (Herbergsmutter: Katja Riemann), und das Dilemma, dass einer wie Nama nicht im Hostel bleiben darf, wenn sich nicht in entwürdigenden medizinischen Untersuchungen nachweisen lässt, dass er noch keine 18 ist.

Trotzdem, eine derart geballte Dosis Flüchtlingsrealität ist rar zur Primetime im Öffentlich-Rechtlichen. Gerne mehr davon.

„Der Andere“, ZDF, Montag, um 20 Uhr 15

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