ZDF-Film "im Tunnel" : Verstrahlt

Maria Simon bewegt sich im ZDF-Film „Im Tunnel“ auf dem schmalen Grat zwischen Wahn und Realität.

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Im Tunnel. Maren Adam (Maria Simon) sucht nach Beweisen für ein illegales Giftmülllager. Foto: ZDF und Boris Laewen
Im Tunnel. Maren Adam (Maria Simon) sucht nach Beweisen für ein illegales Giftmülllager.Foto: ZDF und Boris Laewen

Maren (Maria Simon) lässt der Tod ihres Bruders Erik (Johannes May) einfach nicht los, den sie erschlagen in seiner Wohnung gefunden hat. Sie beginnt, auf eigene Faust zu recherchieren und findet Hinweise auf eine ungeheure Verschwörung: Ist Erik das Opfer eines Auftragsmordes geworden? Dahinter könnte eine deutsch-russische Mafia stecken, die im alten Hamburger Tunnelsystem heimlich Gift- oder sogar Atommüll einlagert und damit ein Milliardengeschäft macht. Während ihr Mann Mehdi (Carlo Ljubek) und ihre Kinder Paula (Carolin Garnier) und Daniel (Tom Philipp) nach der Mordaufklärung wieder in den Alltag zurückkehren möchten, verbeißt sich Maren in ihre „Fahndung“, um Beweise für ihren Verdacht zu finden. Doch niemand glaubt ihr, auch die Polizei nicht. Marens Familie und ihre beste Freundin Iris (Jasmin Gerat) merken viel zu spät, dass etwas nicht mit ihr stimmt – Maren verdächtigt sogar ihren Mann und ängstigt ihre Kinder, als sie mit dem Geigerzähler durch die angeblich verstrahlte Wohnung läuft.

Maria Simon war schon einmal in einer ähnlichen Rolle zu sehen; in dem ZDF-Film „Silvia S. – Blinde Wut“ spielte sie eine Frau, die völlig ausrastet. „Marens Leben ist aus den Fugen geraten durch den Tod ihres Bruders“, sagte die Leipzigerin in einem ZDF-Interview. „Auf einmal wird ihr bewusst, dass die Welt, in die sie sich hineingelebt hat, brüchig wird.“ Die Welt sei auf einmal sehr bedrohlich. Es gehe um Themen, die es schon immer gebe, aber bisher kaum verfilmt oder angesprochen worden seien: „Die Ängste und Extremsituationen ansprechen, mit denen wir im Alltag zunehmend konfrontiert werden.“

Drama zwischen Realität und Wahn

Regisseur Kai Wessel („Frau Roggenschaubs Reise“, „Nebel im August“) hat mit Maria Simon bereits den Film „Es war einer von uns“ (2011, ZDF) inszeniert. Ihm und der Autorin Astrid Ströher, die schon für „Es war einer von uns“ das Buch geschrieben hatte, ist ein Drama um den schmalen Grat zwischen Realität und Wahn gelungen, um die diffusen Ängste eines Menschen, der nicht mehr weiß, was sie glauben und wem sie trauen kann. Es kommt zu Auseinandersetzungen, Missverständnissen, Beschwichtigungen. Maren Adam entfernt sich mehr und mehr von Familie und Freunden.

Reinster Seelenstriptease sind die Szenen mit der Gutachterin (Johanna Gastdorf), der sie ihre Sicht der Dinge schildert. „Nie habe ich die Dinge klarer gesehen. Nie hätte ich gedacht, dass die Menschen, die ich am meisten liebe, meine größten Feinde sind“, wird sie anfangs sagen. Später dann: „Nicht die Menschen sind meine Feinde. Der größte Feind sitzt in meinem Kopf.“ Und Maren Adam sitzt fest, gefangen in sich selbst. Jeder Zufall wird in den größeren Zusammenhang eingebaut. Ihr Verdacht wird zur Handlungspraxis.

Regisseur Kai Wessel findet dazu ebenso subjektive wie eindringliche Bilder, quasi aus dem Inneren von Maren heraus, wie sie das Ganze in ihrer verschobenen Wahrnehmung erlebt. Das gibt dem Film eine so schmerzvolle wie bedrohliche Atmosphäre – und für den Zuschauer eine besondere Spannung, weil er stets aufs Neue vor die Frage gestellt ist, welche Eskalationsstufe Maren Adam als nächste nehmen wird.

„Im Tunnel“ ist aber auch der Film einer Schauspielerin, die hier eindrucksvoll ihre Kunst zeigen kann: Maria Simon belegt im ZDF-Film, was sie in den genannten Dramen schon bewiesen hat – ein enormes Gespür und Einfühlungsvermögen für schwere Themen und schwierige Charaktere. Und „Im Tunnel“ erinnert sie daran, dass sie mit ihrer Rolle als Kommissarin im Brandenburger „Polizeiruf 110“ unterfordert wird. Joachim Huber

„Im Tunnel“, ZDF, Montag, 20 Uhr 15

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