ZDF : Lanz in der Lücke

Er sah aus wie Kerners Nachfolger. Jetzt will sich der frühere RTL-Moderator aufs Neue dem ZDF empfehlen. Doch dafür könnte es schon zu spät sein.

Johannes Gernert

Es ist noch gar nicht lange her, da kam Markus Lanz in Johannes B. Kerners Show, um eine Wissenssendung zu bewerben. Kerner war wie immer ganz bei sich, lehnte wie ein milder Firmenpatriarch hinter seinem Schreibtisch. Und davor saß Lanz – fast wie ein nervöser Bewerber. Auf seiner Stirn glänzten ein paar Schweißtropfen.

Es dauerte dann nur noch einige Tage, bis Kerner bekannt gab, dass er zu Sat 1 wechseln würde, und Lanz tatsächlich zu so einer Art Bewerber wurde, weil im Abendprogramm des ZDF nach Kerners Abgang eine recht große Lücke klaffte und sich alle fragten, wer die nun füllen würde.

Passt Lanz da rein? Er hat nach seinem Wechsel von RTL zum ZDF 2008 immerhin Kerner in dessen Sommerpause vertreten und außerdem Kerners Kochtreff übernommen. Es schien nicht abwegig, dass Lanz nun vom Vertreter auf Probe zum Vertreter auf Dauer werden könnte. Die Mainzer Anstalt allerdings sendete plötzlich andere Signale. Es sei ja möglich, einen Kerner vielleicht auch durch mehrere Moderatoren zu ersetzen. Kerner selbst sagte dem „Spiegel“: „Auf einem Riesentanker wie dem ZDF ist nun wirklich Platz für mehr als einen Conférencier." Das klang nicht gerade wie eine Empfehlung, auch wenn Kerner nachschob, dass Lanz ein „sehr netter Kollege“ und ein „super Moderator“ sei.

Markus Lanz sagt, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, mit der neuen Situation umzugehen. Er sitzt im Wintergarten eines Berliner Hotels, auf einem Sofa mit geschwungenen Beinen, nach vorne gebeugt, Ellbogen auf den Knien, leichtes Grau in den sorgsam verstrubbelten Haaren. Eigentlich möchte er vor allem das neue ZDF-Quiz „History“ vorstellen, das er mit Guido Knopp gestaltet, dem Geschichtschef und Hitler-Kenner des Zweiten. Am 26. Mai treten darin etwa die Moderatorin Barbara Schöneberger und der Comedian Thomas Hermanns an und beantworten Multiple-Choice-Fragen. Alles von Matthäus, dem Apostel, bis zu Matthäus, dem Fußballer, sagt Lanz.

Ist dieses Quiz ein erster Schritt in Richtung Kerner-Nachfolge? Lanz hat sich ein paar Formulierungen zurechtgelegt, um die neue Lage zu beschreiben. Er benutzt viele Worte, die im Grunde vor allem bedeuten, dass es drei Alternativen gibt: ein Mal Talk, zwei Mal Talk oder drei Mal Talk pro Woche. Ein Mal Talk wäre vielleicht ein wenig länger, magaziniger, überlegt Lanz. Er stehe für alles zur Verfügung, rufe aber nicht ständig: Ich will, ich will, ich will. Das wäre auch geradezu dämlich, wo die Verantwortlichen schon angedeutet haben, dass sie ihn vielleicht nicht ganz so präsent und so oft im Zweiten wollen.

Dafür gäbe es auch ein paar Gründe. Gar nicht einmal mehr so sehr den, dass er im Dienste von RTL vor Weihnachten 2007 mit dem Angeklagten Marco W., der gerade aus einem türkischen Gefängnis entlassen worden war, locker geplaudert hat, statt ihn ernsthaft etwas zu fragen. Viel schwerer wiegt sein Verständnis von Fernsehen, das „per se“ ein oberflächliches Medium sei, dem wir zu viel zumuten würden. Guido Knopp im Übrigen habe das genauso begriffen wie er selbst.

Wenn man mit Markus Lanz über seine Zeit als Redaktionsleiter bei RTL-„Explosiv“ spricht, rühmt er sich, immer darauf geachtet zu haben, dass die Geschichten in der Sendung echt seien. „Deshalb hatten wir auch nie eine Gegendarstellung und sind einmal von der zuständigen Landesmedienanstalt sogar ausdrücklich gelobt worden, weil wir darauf verzichtet haben, Bilder aus dramaturgischen Gründen in Zeitlupe zu wiederholen“, sagt Lanz.

Man bekommt an dieser Stelle fast Mitleid mit ihm, wie er da eine journalistische Selbstverständlichkeit stolz zur persönlichen Heldentat umdeklariert: nicht wissentlich die Unwahrheit zu verbreiten. Fürs ZDF ist das vielleicht ein bisschen wenig, wenn es darum geht, einen Moderator abzulösen, dem nicht Schlamperei oder Bilder in Zeitlupe, aber sein Mangel an Haltung vorgeworfen wurden. Lanz’ Plädoyer für die Oberflächlichkeit macht da nichts besser. „Es führt kein Weg dran vorbei: Wenn man es genau wissen will, dann muss man die Zeitungen mit den vielen Buchstaben oder im Zweifel auch einmal ein Buch lesen“, sagt er.

In seinem ersten ZDF-Talk im Juni 2008 hat Lanz Verona Feldbusch mit Hilfe seiner Kärtchen in die Ecke getrieben, was mehrere Fernsehkritikerinnen beachtlich fanden. In den Folgesendungen überwog eine gepflegte Harmlosigkeit. Als Deutschlands oberster Sprachreiniger Wolf Schneider, der kein Deutsch-Englisch mag, bei ihm zu Gast war, begrüßte er ihn mit der Frage, ob er sich „ausgepowert“ oder „relaxt“ fühle. Um dann gleich nachzukalauern: Sein Buch sei ja der „Burner“. Manchmal sprudelt Lanz wie schales Bier.

Im „Spiegel“ ist Markus Lanz am Ende des vergangenen Jahres als Prototyp des austauschbaren Jedermanns unserer Moderatoren-Moderne dargestellt worden. Einer wie ARD-Mann Jörg Pilawa, der alles wegmoderieren kann, egal ob Staubsaugermesse oder Promi-Wettraten. Moderatoren, die so vielseitig verwendbar sind wie eine Allzweckhose mit dehnbarem Bund.

Jörg Pilawa hat in der ARD ein TV-Geschichtsquiz moderiert, bei dem Markus Lanz im Oktober mit einer Partnerin 50 000 Euro gewonnen hat. Für die Kerner-Nachfolge gilt Pilawa als einer der weiteren Kandidaten. Lanz erwähnt das im Gespräch, beiläufig, beinahe als wäre er ein wenig beleidigt deswegen.

Was Lanz von den Beckmanns und Pilawas unterscheidet, ist diese seltsame Unsicherheit. Wenn Kerner auf seinem massiven Tisch lehnt, strahlt er zuweilen eine Bräsigkeit aus, die auf manche abstoßend wirkt. Man sieht ihm jedenfalls an, dass das sein Platz ist und dass er sich da unglaublich wohl fühlt.

So ist das bei Lanz nie. Er hält sich oft an Karten fest. Er liest manchmal richtig auf ihnen herum, wie kürzlich bei „Lanz kocht“, als er neben einer Köchin stand, die sich dann über seine enge, glänzende Hose lustig machte. Lanz lachte mit, ging dann in die erste Publikumsreihe und stellte einen älteren Herren bloß, dessen Hochwasserhosenbeine knapp unterm Knie endeten. Sekundenlang ruhte die Kamera darauf. „Die Hose ist unser Schicksal“, sagte Markus Lanz zu dem älteren Herren. Ein unglaublich unsouveräner Moment.

Theoretisch hätte das ZDF um ein Geschichtsquiz wie „History“ ein paar Talks und andere Sendungen herumdrapieren können, gerade im Gründungsjubiläumsjahr der Bundesrepublik Deutschland, um das Ganze mit einem Moderatorengesicht zusammenzuhalten – vielleicht mit Lanz. Aber nun ist „History“ das Drapierte, und die Hauptveranstaltungen finden woanders statt – ohne ihn. So scheint sich das gerade zu entwickeln. Lanz klingt demütig, wenn er sagt, dass das ZDF entscheide, ganz allein. Er habe da gar nichts zu melden.

Als Markus Lanz nun neulich wie ein Bewerber bei „JBK“ saß, ging es um sein „gesundes Cocktail-Halbwissen“, er erzählte davon, wie sein Sohn ihn einmal gefragt habe, warum der Mensch lacht. Lanz selbst hat ein sehr spezielles Lachen. Viel zu laut, seltsam unecht, auch etwas unsicher. „Ich meine“, hat der Lanz dem Kerner erklärt, das Lachen sei evolutionsbiologisch begründet. Der Lachende wolle sich einer Gruppe andienen, „also im Grunde einschleimen“.

„History! – Das ZDF-Geschichtsquiz“, am Dienstag um 20 Uhr 15

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