ZDF-Samstagskrimi : Der große Bluff

ZDF-Detektiv Wilsberg braucht unbedingt einen Royal Flush, um seinen Freunden zu helfen. Leider hat er keine Ahnung wie das Spieleigentlich funktioniert.

Kurt Sagatz

Wer pokern will, sollte bluffen können. Und die elementaren Spielregeln kennen. Ekki Talkötter (Oliver Korittke) beherrscht beides nicht und muss in der neuen Episode des ZDF-Samstagskrimis „Wilsberg“ sein Auto gleich zu Anfang an zwei gefährlich aussehende Unterwelttypen abgeben. Dass im Wagen noch wichtige Unterlagen aus dem Finanzamt liegen, wird Ekki noch schwer zu schaffen machen. Mit Regeln hat es auch Wilsbergs weiblicher Schützling, die frisch gebackene Anwältin Alex (Ina Paule Klink) nicht. Gleich bei ihrem ersten Fall setzt sie ihre Zulassung aufs Spiel, weil sie ihrem Klienten Thomas Winter (Tobias Oertel) zur Flucht verhilft. Dabei ist der gut aussehende Großbäckereibesitzer dringend tatverdächtig, seine Ehefrau erdrosselt zu haben. Nur Georg Wilsberg (Leonard Lansink) selbst hat diesmal keine eigenen Probleme und kann mit entsprechendem Pokerface seinen Freunden aus der Patsche helfen. Dies würde noch besser gelingen, wenn Kommissarin Anna Springer (Rita Russek) ihm nicht ständig auf die Finger schauen würde. So weit ist also alles beim Alten.

Normalerweise nimmt im Münsteraner Mikrokosmos um den Privatschnüffler und Antiquar Wilsberg alles seinen gewohnten Gang. Wilsberg ergattert grundsätzlich die undankbarsten Fälle. Oft ist der Auftraggeber selbst der schlimmste Übeltäter. Und wenn er unschuldig ist, fällt er zumeist wenig später einem Mordanschlag zum Opfer. Bei diesen Opfern darf es sich dann gerne um angesehene Mitglieder der Münsteraner Gesellschaft handeln, die Wilsberg – wenn sie zudem noch weiblich sind – noch aus besseren Tagen kennt, als er selbst seine Anwaltszulassung noch nicht verloren hatte. Zum vertrauten und geliebten Strickmuster der „Wilsberg“-Krimis passt zudem die eine oder andere regionale Besonderheit, denn die Lösungen zu den tödlichen Rätseln findet der desillusionierte Romantiker entweder auf ansehnlichen Landgütern oder auf den typisch münsterländischen Gehöften. Doch so normal ist dieser „Wilsberg“ (Buch Timo Berndt, inszeniert von Reinhard Münster) eben nicht.

Zu den augenfälligen Unterschieden gehört, dass in diesem Krimi aus Münster die Stadt und das Umland so gut wie keine Rolle spielen. Am Anfang rast Wilsberg zwar mit quietschenden Reifen und Alex als Beifahrerin um einige stadtbekannte Ecken, um möglichst schnell zum Pokeropfer Ekki – „zuerst habe ich doch kräftig gewonnen“ – zu gelangen. Ansonsten müssen die Zuschauer jedoch auf die gewohnten Ansichten verzichten. Dafür erfahren sie, dass es auch in der westfälischen Provinz hässliche Hochhaussiedlungen gibt, in denen es nicht auffällt, wenn jemand stundenlang in einem kaputten Aufzug festsitzt. Interessanter zu verfolgen ist allerdings eine andere, schleichende Entwicklung, die mit dem Wechsel von Heinrich Scharfmeister zu Oliver Korritke in der Rolle von Ekki Talkötter eingesetzt hat. Nachdem die Freundschaft zwischen Ekki und Wilsberg kaum noch weiter zu festigen ist, wird die Partnerschaft in Ermittlungsfragen immer wichtiger: Sie erstreckt sich längst nicht mehr darauf, dass Ekki den Dienstcomputer für nebenberufliche Recherchezwecke benutzt. Der Finanzbeamte wird vielmehr selbst zum Schnüffler, der – wenngleich unerfahren und nervös – für Wilsberg wichtige Observationen übernimmt. Zudem emanzipiert sich Alex zusehends. Auch wenn sie noch lernen muss, in welche Männer sie sich verlieben kann – und in welche nicht. Dennoch, und das spricht für die Reihe: „Wilsberg“ und seine Akteure entwickeln sich ständig weiter. Kurt Sagatz

„Wilsberg: Royal Flush“; 20 Uhr 15, ZDF

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