ZDF-Serie über Lobbyismus in der Hauptstadt : Palermo mit Spreeblick

Der ZDF-Serie „Lobbyistin“ fehlt zwischen politischer Intrige und Alltag die Leichtigkeit. Politikthriller wie „House of Cards“ können wir halt nicht.

Jan Freitag
Schicke Mitte. Zielert (Bernhard Schir) ermahnt Eva Blumenthal (Rosalie Thomass): Ihre Meinungen interessieren nicht.
Schicke Mitte. Zielert (Bernhard Schir) ermahnt Eva Blumenthal (Rosalie Thomass): Ihre Meinungen interessieren nicht.Foto: ZDF und Christoph Assmann

Coffee to Go. Von Engländern angeblich als „Kaffee zum Weglaufen“ missverstanden, symbolisiert der neudeutsche Begriff alles, was unsere Leistungsgesellschaft kennzeichnet: Mobilität, Ausdauer, Dynamik, Einfluss und eine Spur Ignoranz – zumindest, wenn man dazu Business-Kleidung trägt. Eva Blumenthal trägt selten etwas anderes zum obligatorischen Pappbecher. Und falls doch, hält sie stattdessen ihr Smartphone in der Hand. Das hat einen Grund, der Mobilität, Ausdauer, Dynamik, Einfluss und eine Spur Ignoranz unserer Leistungsgesellschaft bestens auf den Punkt bringt: Eva Blumenthal ist die „Lobbyistin“.

So heißt die neueste Fiktionalisierung dessen, was fürs Serienfernsehen noch weniger taugt als, sagen wir, Möbelhäuser oder Versicherungen: die große Politik. ZDFneo wagt den Versuch, Berlins Regierungsviertel zum Drehort zu machen. Dort ist das aufstrebende Bundestagsmitglied Blumenthal tätig, bis es einer Intrige zum Opfer fällt. Weil sie gegen die eigene Partei für ein naturfreundliches Energiegesetz eintritt, wird ihr Bestechlichkeit angehängt, weshalb die Parlamentarierin das Mandat niederlegt und zu einer Lobby-Agentur wechselt.

Um die Schuldigen zu finden, taucht Rosalie Thomass als vermeintliche Überläuferin ins Machtgefüge eines Politikbetriebs ein, den sich die AfD kaum lebhafter zurechtverschwörungstheoretisieren könnte. Im Drehbuch von Regisseur Sven Nagel schillert Berlin-Mitte als scheckheftgepflegtes Palermo mit Spreeblick, in dem ein mafiöses Netz skrupelloser Seilschaften zu jeder Schandtat bereit ist und Minister mit Genossinnen im Fraktionsbüro vögeln. Der politische Alltag sieht anders aus. So pickt sich das Fernsehen aus der repräsentativen Demokratie heraus, was nicht repräsentativ, aber spannend ist. Praktisch wirkt „Die Lobbyistin“ trotz toller Darsteller wie Bernhard Schir als gewissenloser Spin-Doctor mit jeder Minute Intrigierens aller gegen alle zusehends selbstgefällig.

Nicht dass jemand im Stammpublikum auf die Idee kommt, über Politik zu lachen

Darin ähnelt die Serie vielem, das hierzulande rings um die Legislative gedreht wird. 2005 scheiterte das „Kanzleramt“ mit Klaus J. Behrendt als Regierungschef im ZDF am Anspruch, staatstragend und aufregend sein zu wollen. Voriges Jahr ging es der ARD-Serie „Die Stadt und die Macht“ ähnlich, obwohl Anna Loos beherzt gegen die klischeehafte Verquickung kommunalpolitischer Katastrophen anspielte. Als Veronica Ferres im Sat1-Film „Die Staatsaffäre“ eine Art triebhafter Angela Merkel gab, die es mit dem Präsidenten Frankreichs treibt, war klar: Politthriller wie „House of Cards“ können wir nicht. Ein Bundestagsformat schaffte es kürzlich im deutschen Fernsehen für Furore zu sorgen: Bernhard Schütz als windiger „Eichwald, MdB“. Die ZDF-Serie lief auch bei ZDFneo. Nicht dass jemand im Stammpublikum auf die Idee kommt, über Politik zu lachen.

„Lobbyistin“, sechs Teile, mittwochs, ZDFneo, 21 Uhr 45

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