Medien : ZDF-Umstrukturierung: Nikolaus Brender sorgt für Unruhe

Ulrike Simon

Alles vergeht, alles versendet sich. Alles? Nein, ein kleiner Hügel trotzt bislang den Anfechtungen des Zeitgeistes - der Lerchenberg zu Mainz, Sitz des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF). Doch ausgerechnet das, was dem Sender auch bei seinen ärgsten Konkurrenten Respekt und Anerkennung verschaffte, ist den Verantwortlichen nicht mehr gut genug. Dieter Stolte, seit zwei Jahrzehnten unumstrittener Herrscher auf dem Lerchenberg, und sein neuer Chefredakteur Nikolaus Brender zielen offenbar auf neue Zuschauergruppen, weit weg von jenen, die das ZDF bislang groß gemacht haben. So als wollten sie endgültig den früheren RTL-Chef Helmut Thoma widerlegen, der dem ZDF eine stark haftende Marke verpasste: "Kukidentsender".

"Mit mir nicht!" mit Maria von Welser wird eingestellt, die Talkshow "Conrad & Co" ebenfalls. "Kennzeichen D", das deutsch-deutsche Politmagazin, auch. Und "Frontal" sowieso. An den Marktanteilen kann es nicht liegen, dass die Sendungen vom Bildschirm verschwinden. Einzig für "Frontal" gibt es ein einleuchtendes Argument: Ulrich Kienzle geht in den Ruhestand. Und Hauser ohne Kienzle - undenkbar. Stattdessen sollen zwei neue Magazine eingeführt werden: "ZDF.reporter" heißt das Reportagemagazin, das "Frontal" am Dienstag ersetzt. Ein weiteres, zeitkritisch-politisches Magazin soll die Infoschiene am Mittwochabend schließen.

An diesem Konzept bastelt zurzeit Claus Richter. Aus dem Arbeitspapier, aus dem am Montag der "Spiegel" zitierte und das auch dem Tagesspiegel vorliegt, geht hervor, dass das neue Magazin auf Themen aus der aktuellen Innenpolitik weitgehend verzichten will. Politiker sagten sowieso nur das, was sie immer sagen, schreibt Richter. Investigativer Journalismus sei hingegen unverzichtbar, dürfe jedoch kein Gesamtanspruch sein. "Warum spielt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft so jämmerlich?", "Ist Rotwein gut gegen Herzinfarkt?" "Warum werden Frau Feldbusch oder Zlatko zu Medienikonen?" seien dagegen Themen, die in Richters Konzept passen. Das erinnert an Boulevardmagazine, nicht zuletzt an Springers geflopptes Erstlingswerk "Newsmaker". Übrigens war das "Newsmaker"-Vorbild "60 Minutes" aus den USA. Das ist auch Richters Vorbild.

Einen derartigen Umbruch hat das ZDF bis dato nicht erlebt. Manche sprechen gar von einer "Kulturrevolution". Stolte dürfte dabei gelegen kommen, renommierten, aber politisch ungeliebten Magazinen wie "Kennzeichen D" den Todesstoß zu verpassen. Ein Magazin, das sich fortwährend und konsequent gegen Rechtsradikalismus einsetzte und gerade als deutsch-deutsches Magazin auch heute noch seine Funktion erfüllt.

Die Zeit drängt. Im September, verspricht das ZDF, soll geklärt sein, was Brender auf den vielen Baustellen plant. Die Umsetzung erfolgt 2001, ein Jahr vor den Bundestagswahlen. Doch vorerst wird Stolte die Unruhe im Sender und die öffentliche Diskussion ertragen müssen. Auch den Protest des Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse gegen die geplante Absetzung von "Kennzeichen D" im Jahr Zehn der Wiedervereinigung.

Es müsse nicht sein, dass politische, zeitkritische Magazine "eine klare Botschaft haben", "um jeden Preis etwas oder jemanden entlarven oder einen Missstand anprangern", schreibt Richter, der es mit dem "Wundertüten"-Rezept von "Stern"-Erfinder Henri Nannen hält. "Sein Konzept war, keines zu haben", schreibt Richter.

Aber Kritik an Medien übernimmt das ZDF ab 2001 vielleicht auch selbst. Bodo Hauser, künftig wohl Geschäftsführer von "Phoenix", und Ulrich Kienzle überlegen mit dem ZDF derzeit, die medienkritische Sendung "Der Reißwolf" zu starten. Eine zunächst monatliche Sendung, dank der die beiden dem Zuschauer erhalten bleiben. Auch nachdem Kienzle im wohl verdienten Ruhestand weilt.

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