ZDF : Von biblischem Ausmaß

Das ZDF zeigt in einem Zweiteiler, wie die Welt im Jahr 2032 aussehen könnte - nämlich überschwemmt. Die Autoren erwarten eine "Rückkehr der Sintflut“.

Thomas Gehringer
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Das Dorf Barbolla in Bangladesch wurde schon öfter überflutet. Dieses Mal wird die Flut nicht wieder weichen. -Foto: ZDF

Der Zukunft lässt sich schlecht aus dem Weg gehen – auch wenn man sich das nach den Visionen der ZDF-Autoren Thomas Hies und Jens Monath für das Jahr 2032 wünschen würde: Köln kämpft mit steigenden Rheinfluten und verseuchtem Trinkwasser, weite Teile von Bangladesch werden überschwemmt, New York wird von schweren Stürmen und einem tropischen Virus heimgesucht. Nichts Geringeres als die „Rückkehr der Sintflut“, so der Titel der zweiteiligen Dokumentation an diesem und dem nächsten Dienstagabend, stellt das ZDF in Aussicht. Die Sintflut sei längst programmiert, erklären die Autoren am Ende. Das ist trotz wachsender Einigkeit über die bedrohliche Erderwärmung starker Tobak, denn die Sintflut steht als biblische Chiffre für eine globale Katastrophe – und für die Bestrafung des Menschen durch Gott.

Im Film halten sich Hies und Monath zum Glück an die Wissenschaft, und was hier namhafte Klimaforscher zum Besten geben, ist beunruhigend genug. Der Schweizer Konrad Steffen, der seit Jahren in Grönland unterwegs ist, erwartet einen Anstieg des Meeresspiegels bis zum Jahr 2100 um einen Meter. Das wäre doppelt so hoch wie im Bericht des UN-Klimarats angenommen. Der Grund dafür sei das schnelle Ausfließen des Schmelzwassers, das der Klimarat noch nicht berücksichtigt habe. Zurzeit würde Grönland pro Jahr 150 Kubikkilometer Eis verlieren, sagt Steffen. Das entspräche dem gesamten Eisvolumen der Alpen.

Auch Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimaforschung, Mojib Latif vom Institut für Meereswissenschaften in Kiel und Lonnie Thompson, Spezialist für tropische Gletscher und eine „lebende Legende der Klimaforscher“ (Hies/Monath), sparen nicht mit düsteren Prognosen. Schellnhuber etwa zeigt sich überrascht von der Dynamik des Klimawandels und sieht „im schlimmsten Fall“ einen Meeresanstieg von zwei Metern bis 2100 und eine „biblische Völkerwanderung“ kommen. Denn betroffen wären in den Küstenregionen 500 Millionen bis eine Milliarde Menschen. Natürlich trifft es besonders die Ärmsten wie in Bangladesch. Aber auch Deutschland bliebe nicht verschont, nicht einmal im Binnenland: In Köln erwartet der Hochwasserbeauftragte der Stadt, Reinhard Vogt, in 30 Jahren ein um den Faktor drei gestiegenes Hochwasserrisiko sowie „Hochwasser, die wir nicht beherrschen können“. Und Christian Bussau von Greenpeace schlägt ernsthaft vor, die Kölner Altstadt und andere niedrig gelegene Stadtgebiete aufzugeben.

Die ZDF-Autoren drehten eindrucksvolle Bilder in Grönland, Bangladesch und Peru. Die beunruhigende Ausgangslage wird überzeugend dokumentiert – problematisch ist, dass diese hier scheinbar zwangsläufig in ein Worst-Case-Szenario übergeht. Das mag wissenschaftlich begründbar sein. Doch nach all den ökologischen Schreckensvisionen der vergangenen Jahrzehnte wirkt die Ankündigung der Katastrophe eher ermüdend als aufrüttelnd. Und die Versuche, dem Publikum auch einen positiven Weg in die Zukunft zu weisen, bewirken eher das Gegenteil und fallen zusätzlich ernüchternd aus. Die schwimmenden Häuser niederländischer Architekten oder gar die Wahnsinns-Projekte in Dubai bieten nur für gut betuchte Menschen eine Alternative, wie die Autoren selbst einräumen. Ein Platz auf der Arche dürfte teuer werden.

Aber wenn man schon das Publikum aufschrecken will, dann richtig. Die Autoren setzen auf wenig spektakuläre Zukunftsszenarien an drei Orten des Jahres 2032. Doch die Figuren berühren wenig, dazu sind die Geschichten von einer Familie in Köln sowie zwei Mädchen in New York und Bangladesch zu kurz und zu dürftig inszeniert. Welchen Sinn macht die Filmfiktion von Bangladesch, wenn die Realität seit Jahren ähnliche, wenn nicht schlimmere Bilder produziert, auch ohne Klimakatastrophe? Die Gegenwart ist längst beängstigender als dieser fade Versuch, die aufziehende Katastrophe in Szene zu setzen. Thomas Gehringer

„Rückkehr der Sintflut“, ZDF, 20 Uhr 15, zweiter Teil am 22. April

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