ZDF-Zweiteiler "Tod eines Mädchens" : Sturm über Nordholm

Im ZDF-Zweiteiler „Tod eines Mädchens“ mit Anja Kling, Heino Ferch und Barbara Auer gerät die Welt eines kleinen Küstennestes aus den Fugen.

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Großes Ensemble: Die Liste der Verdächtigen ist ebenso lang wie die der bekannten Schauspieler in dieser Produktion.
Großes Ensemble: Die Liste der Verdächtigen ist ebenso lang wie die der bekannten Schauspieler in dieser Produktion.Foto: ZDF

Die Weite des Meeres und des Himmels, malerische Steilküsten, sanfte Dünen – das ZDF hat einen Faible für Krimis im hellen Licht des Nordens. Es kann allerdings passieren, dass dort ein heftiger Wind bläst, was die Dreharbeiten für den Zweiteiler „Tod eines Mädchens“ zeitweise mächtig erschwerte. Der Sturm hatte das Set drei Meter unter Wasser gesetzt. Dafür trotzt nun der Kieler Kommissar Simon Kessler (Heino Ferch) im flatternden Anzug der steifen Brise, was gleich mal Signale von Kraft und Standhaftigkeit aussendet. „Sei bloß vorsichtig, der beißt“, warnt ein Polizist Kollegin Hella Christensen (Barbara Auer) aus dem kleinen Ort Nordholm vor der ersten Begegnung mit Kessler am Tatort.

Das ruhige Spiel von Barbara Auer macht den Zweiteiler sehenswert

Die gute Polizistin aus dem kuscheligen Küstennest und der böse Cop aus der Großstadt, auf diese Rollenverteilung wird das Publikum zu Beginn eingestimmt. Aber so einfach wird die Sache zum Glück nicht. Im Grunde teilen beide Kriminalisten dieselbe Erfahrung: „Es wird nicht mehr wie vorher sein. Das ist es nie“, sagt Kessler etwas pathetisch am Ende des Films. Und meint sich selbst und alle, die mit dem Schicksal der 14 Jahre alten Jenni Broder in Nordholm an der Ostsee verbunden waren. „Das weiß ich selbst“, erwidert die von dem Fall und ihrem anstrengenden Kollegen („Lackaffe“) mitgenommene Christensen. Nicht Heino Ferch als undurchsichtiger Kessler, nicht Anja Kling als trauernde Mutter, sondern Kommissarin Christensen steht eigentlich im Zentrum des Sturms. Vor allem Barbara Auer ist es, die den Zweiteiler mit ihrer ruhigen, zurückgenommenen Spielweise sehenswert macht.

Jennis Tod wühlt die Einwohner von Nordholm auf. Das Opfer hat eine Wunde am Kopf, die von einem Schlag herrühren könnte, ist also vermutlich umgebracht worden. Der Stadtrat setzt eine Belohnung von 10 000 Euro aus. Und als die Lokalzeitung mit einer großen Schlagzeile von einem ersten Verdächtigen berichtet, muss die Polizei die Gemüter bei einer Versammlung beruhigen. Es ist allerdings auch eine Versammlung potenzieller Täter, und der erfahrene Krimi-Zuschauer wird bei diesem Defilee bekannter Schauspieler ahnen, dass hier noch die eine oder andere Wendung zu erwarten ist. „Tod eines Mädchens“ ist ein klassischer „Whodunit“-Krimi, aber auch ein intensives Drama.
Der Film handelt von dem Schrecken und dem gegenseitigen Misstrauen, das bei einem ungeklärten Verbrechen in einem kleinen Ort um sich greift. In Nordholm kennt jeder jeden. „Ich fand’s immer schön hier“, sagt Christensen zum Abschied zu den Kollegen, denn nach der Auflösung der Dienststelle soll sie nach Kiel wechseln. Zu Kessler, ihrem neuen Chef. Doch wegen Jennis Tod kommt der nun in ihre Heimat. Ferch spielt diesen Kessler gar nicht als bissigen Choleriker, nur kühl, geradeheraus und manchmal etwas unsensibel: „Ich brauche Mitarbeiter, die die Menschen hier kennen, aber nicht bei jeder Gelegenheit in Tränen ausbrechen.“

Schüttauf, Wöhler, Schönemann - es mangelt nicht an bekannten Namen

Hella Christensens Betroffenheit ist allerdings verständlich: Die Broders sind ihre Nachbarn, beide Familien sind miteinander befreundet. Und dann geraten nacheinander Jennis Vater Hauke (Jörg Schüttauf) und Christensens Sohn Martin (Chris Veres) in Verdacht. Außerdem sind da noch ein ehemals krimineller Jugendlicher (Julius Nitschkoff), der Jenni am Abend der Tat traf, ein Hobby-Fotograf und Hotelier (Gustav Peter Wöhler), ein vorbestrafter Onkel des Opfers (Hinnerk Schönemann) und ein etwas seltsamer Dorf-Adliger im Single-Stand (Johann von Bülow). Auch Christensens Ehemann (Rainer Bock) verhält sich verdächtig. Die Welt der Kommissarin gerät aus den Fugen. Kessler hat das schon hinter sich. Früher, als Kommissar in Frankfurt, hatte er mal einen Kollegen erschossen.

„Tod eines Mädchens“ ist kein innovatives Fernsehen, man glaubt das alles schon in anderen Variationen gesehen zu haben. Die Produktion unterscheidet sich als Zweiteiler dennoch von der üblichen Krimireihen-Ware. Das Drehbuch von Stefan Holtz und Florian Iwersen hat Zeit genug, um eine Vielzahl von Fährten auszulegen. Und trotz der beachtlichen Zahl an Protagonisten wird es nicht unübersichtlich. Was auch an der ruhigen, sorgfältigen Inszenierung von Thomas Berger liegt. Die Musik, die Zeitlupen – der Regisseur trägt die reichlich vorhandenen Gefühle zwar etwas dick auf. Auch könnte man sich zum Beispiel darüber wundern, dass die Kommissarin den eigenen Sohn verhören darf. Aber dass das Publikum den Ermittlern immer ein Stück voraus ist, jedoch nie weit genug, sorgt für beständig hohe Spannung.
„Tod eines Mädchens“; ZDF, Montag und Mittwoch, jeweils 20 Uhr 15

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