Medien : Zeig’ uns deine Schusswunde

Ob „CSI“ oder „Tatort“: Das grassierende Pathologen-Fernsehen verbindet den Grusel vor der menschlichen Leiche mit der Neugier am menschlichen Körper

Barbara Sichtermann

Was ist so fantastisch an einer Wunde in Großaufnahme; ein schwarzroter Krater mit hellrosa gewölbten Wänden, an deren Kanten die Blutlava trocknet? Die Wunde teilt etwas mit. Sie ist eine Hohlform, aufgerissen von einem aggressiven Objekt, sei es eine Pistolenkugel, ein Messer, ein Eiszapfen oder eine Drahtschere. Sie schmerzt nicht mehr. Der Mensch, der sie empfing, ist tot. Sein Mund ist verschlossen, er wird nie mehr sprechen. Aber die Wunde ist offen und erzählt die Geschichte ihrer Entstehung. Das Loch in der Brust birgt etwas, das ihm jetzt entnommen wird, es redet und verrät den Täter. Die Pathologin beschaut es lange, sie nimmt den Dialog auf. Ihre von einem durchsichtigen Handschuh überzogenen Finger betasten das Loch, spreizen es, führen eine Pinzette ein, fördern das Geschoss zu Tage, manchmal zusätzliche Details wie Erdklümpchen, Gräserpollen oder eine chemische Substanz. „Er wurde nicht hier getötet“, sagt die Pathologin. „Er wurde nach seinem Tod umgedreht, über den Boden geschleift und...“ Die Wunde hat erste, kostbare Informationen geliefert. Jetzt werden die Pollen untersucht. Sie werden zum Tatort führen.

Die Pathologie ist im Fernsehen schon länger ein Focus, von dem aus sich eine Krimi-Handlung entspinnt, man denke an Dr. Quincy. Auch im deutschen Fernsehen hat zum Beispiel Ulrich Mühe den Körper des Mordopfers als „Letzten Zeugen“ des Verbrechens begriffen. Im „Tatort“ agiert ein populärer Pathologe, Jan Josef Liefers als Gerichtsmediziner Boerne, der gemeinsam mit Axel Prahl als Hauptkommissar Thiel Fälle in und um Münster löst. Neu ist also nicht die Inszenierung der Leiche als Träger von Indizien. Neu ist die Inszenierung der offenen Wunde, des blutendes Fleisches, auch der halbverwesten Organe, deren Madenbefallstadium auf den Todeszeitpunkt verweist. In „CSI Las Vegas/ Miami und New York“, in „Criminal Intent“, „Crossing Jordan“, „Profiler“ und neuerdings „Die Knochenjägerin“, lauter US-Krimiserien, die hier erfolgreich bei RTL und Vox laufen, spielt die Sektion der toten Körper, die Analyse der letalen Schäden, der Kampf mit der Zeit und gegen den Verfall des „Body of Evidence“ eine Schlüsselrolle. Die Kamera fährt sogar in das Innere des Körpers (bzw. sie tut so als ob, die eigentliche Arbeit erledigt der Computer) und zeigt in der Vergrößerung die Verwüstung, die ein Projektil im stark durchbluteten Gewebe von Arterien, Sehnen, Muskelfasern und Knorpeln verursacht hat.

Kaum eine dieser Serien kommt ohne solche Bilder aus. Woher stammt die Faszination? Müsste das Publikum nicht, geschüttelt von Graus und Ekel, spontan abschalten? Das tut es nicht. Ganz wie die Ausstellungen des Gunther von Hagens, der seinen eigenen Körper bereits – nein, nicht der Anatomie, sondern der Plastination vermacht hat, ganz wie diese Leichenschauen begeistert auch die TV-Blutspurenlese das Fernsehvolk. Hier kommt zweierlei zusammen: das leise Gruseln beim Übertreten einer Schamschranke, die das Reinschauen in einen menschlichen Körper immer noch bedeutet, und die sozusagen naturwissenschaftliche Neugier an der Anatomie. Die klinisch-sterile Umgebung in den gerichtsmedizinischen Instituten, der sachliche Kommentar des Pathologen, all das entspannt die Szene und wirkt dem Graus entgegen.

Zugleich spielt ja das bei frischen Leichen noch quellende Blut, das sich zersetzende Fleisch bei älteren, eine wichtige Rolle für die Krimi-Handlung. Seitdem die DNS entschlüsselbar ist, brauchen wir zur Identifikation einer Leiche nicht mehr den Pass in der Brieftasche. Die sterblichen Überreste geben jede Menge Hinweise, sie formulieren aber auch einen Appell an die Lebenden, an die Cops im Film und die Zuschauer vor dem Schirm, den Toten zu rächen, ihn anzuschauen und hinzugehen und den Mörder zu stellen und zu richten. Wenn sich die Experten dann über das Opfer beugen und sagen: „Er wurde nicht hier getötet“, dann empfindet der Zuschauer einen Vorgeschmack jener Befriedigung, die ihm die Überführung des Killers bereiten wird.

Die andere Seite aber, die Scham, die sich mit der Neugier mischt, ist genauso aktiv. Aus Zeiten vor dem Siegeszug der Naturwissenschaften reicht ein religiöses Bedürfnis, ein Gefühl, ein Gebot herüber, das von den Lebenden verlangt, die Ruhe der Toten zu achten. Im Drama „Antigone“ geht es um nichts anderes. König Kreon hat verfügt, den blutenden Leichnam des Aufrührers als Fraß für die Geier nackt liegen zu lassen. Eine härtere Strafe gibt es nicht. Der Aufrührer aber ist Antigones Bruder, und es ist ihre heilige Pflicht, ihn zu bestatten. Sie tut es, riskiert ihr Leben und verwirkt es. Dieses Antigone-Motiv geistert auf recht lebendige Weise auch durch die Krimis. So stößt das Ansinnen der Polizei, einen bereits bestatteten Körper zum Zwecke der Obduktion wieder auszugraben, regelmäßig auf den entschlossenen Widerstand der Angehörigen. Neulich musste sich ein Ermittler, der nach Exhumierung einer Mädchenleiche den Mörder stellen konnte, von der Mutter des Opfers ins Gesicht schlagen lassen. Dass der Täter entdeckt worden war, bedeutete ihr nicht genug, um die gestörte Totenruhe zu rechtfertigen. Das Fernsehvolk fühlt hier mit. Es ist inkonsequent. Es will in Wunden wühlen, würde aber das Grab der eigenen Tochter wütend verteidigen. Wenn dem nicht so wäre, existierte das Delikt der Grabschändung nicht.

Die Bundeswehrsoldaten, die sich mit Schädeln und Knochen von Toten, möglicherweise gefallener Feinde, fotografieren ließen, wandelten auf den Spuren Kreons. Sie posierten als doppelte Sieger: Symbolisch haben sie zuerst den Feind getötet. Dann gingen sie den zweiten Schritt und entehrten ihn, indem sie ihn aus dem Grab zerrten und sich mit seinem Haupt als einer Trophäe schmückten. Schlimmer kann es nicht kommen. Was nützt es also einer Mutter, dass der Mörder ihres Kindes überführt wurde, wenn der Preis darin besteht, dass das tote Kind aus der Erde gezogen und in Stücke geschnitten wird?

So kämpfen die Knochenjäger, Pathologen und Biologen, die sich über geöffnete Leiber beugen, gegen eine archaische Pietät, die die Würde der Toten schützen will, und die sie manchmal selbst empfinden. Sie haben sich die Leichname als Trophäen gesichert, als Zeichen dafür, dass das rationale Zeitalter der Naturwissenschaften über die älteren Ansprüche der Religion und der magischen Verbundenheit mit dem Totenreich gesiegt hat. Aber wie Geister kehren diese Gefühle der Ehrfurcht vor den Verstorbenen zurück und beunruhigen selbst die Pathologen.

Gleichwohl: Die medizinisch-technischen Möglichkeiten des In-den-Körper-Hineinleuchtens von der Darmspiegelung bis zur minimal-invasiven Operation haben unsere Vorstellung von den Grenzen unserer Körperlichkeit, vom Verhältnis der äußeren Sphäre zum organischen Innenleben verschoben. Die Haut trennt nicht mehr sauber.

Unsere Körper sind durchlässig geworden, sie geben ihre Geheimnisse preis, sie lassen sich lesen. Der zeitgenössische Krimi spiegelt diese Tendenz zur Öffnung der Leiber, indem er sie für seine Zwecke der Investigation nutzt. So wird der Mensch in seiner Körperlichkeit zum Datenträger, und wenn er tot ist, hinterlässt er nicht mehr nur eine irdische Hülle, sondern auch eine komplexe Datei. Der Krimi greift nach dieser Datei und übersetzt sie in blutige Bilder. Das ist sein Recht. Solange er den Gefühlen des Widerstands gegen die Schlachterei post mortem auch ihre Stimmen gönnt, macht er nichts falsch.

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