Medien : Zeigen, was Hauptschule ist

Viel Lob, viel Tadel und reges Zuschauerinteresse für die ZDF-Dokumentation

Susanne Vieth-Entus,Joachim Huber

Hunderte Mails und Anrufe hat Dieter Hohn in den vergangenen Wochen bekommen. Der Rektor wurde beschimpft, aber auch gelobt dafür, dass er bereit war, ein Team von Spiegel TV monatelang in seiner Charlottenburger PommernHauptschule filmen zu lassen. Im Rückblick sagt er: „Es war richtig, dass wir es gemacht haben, aber ich würde nach den jetzigen Erfahrungen die Rahmenbedingungen besser abklopfen.“

Zu diesen Rahmenbedingungen gehörte ursprünglich, dass die Klassen bis zum Schuljahresende begleitet werden sollten. „Es sollte beobachtet werden, ob die Schüler den Abschluss schaffen“, berichtet Hohn. Außerdem sei angekündigt worden, „dass man sich nochmal zusammensetzt und das Material sichtet“.

Aus all dem wurde aber nichts, denn Spiegel TV und ZDF wollten die aktuelle Diskussion um die Rütli-Hauptschule nutzen, um mehr Aufmerksamkeit für die Dokumentation zu bekommen: So zimmerten sie die Folgen auf die Schnelle zusammen, um den Sendetermin um drei Monate vorziehen zu können.

„Furchtbar“ sei das Ergebnis, sagt Ralf Schiweck von der Tempelhofer Waldenburg-Hauptschule. Was da gezeigt werde, schade dem Ruf der Hauptschule und könne dazu führen, „dass jetzt auch noch die letzten guten Eltern wegbleiben“. Andererseits findet Schiweck es aber gut, dass „diese Schüler mal gezeigt wurden, die es natürlich gibt“.

Auch die Senatsverwaltung für Bildung, die die Filmarbeiten genehmigt hatte, ist inzwischen etwas gespalten in der Bewertung. „Transparenz ist gut“, sagt Sprecher Jens Stiller, „aber wir müssen die Schulen besser beraten über die Gefahren, die für Lehrer und Schüler entstehen – etwa in Bezug auf die Verletzung des Persönlichkeitsrechtes“.

Insbesondere die Passagen über ein Mobbing-Opfer, das weinend eingesteht, sich zu dick zu fühlen und schließlich an eine Sonderschule wechseln muss, hat viele Pädagogen empört. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Eltern ihr Einverständnis für die Aufnahmen gegeben hatten: „Sie wussten offenbar nicht, was sie da taten“, meint eine Lehrerin, der das öffentlich bloßgestellte Mädchen leid tut. Für Hendrik Stoya, den Sozialarbeiter, den Spiegel TV bei den Dreharbeiten dabei hatte, zählt vor allem, dass „eine Diskussion angestoßen wurde, die das Thema am Leben erhält“.

Was die Sicht der Zuschauer und des ZDF angeht: Das Fernsehpublikum hat auf die sechsteilige Dokumentation „S.O.S Schule“ mit regem, mit wachsendem Interesse reagiert. Die ersten vier Folgen der seit 2. Mai ausgestrahlten Reihe der Spiegel-TV-Autorinnen Amai Haukamp und Kathrin Sänger sahen im Schnitt 2,36 Millionen Zuschauer, und das zu Sendezeiten zwischen 22 und 23 Uhr. Dabei stieg der Marktanteil von 9,1 (Teil 1) auf 12,3 Prozent (Teil 4), meldet das ZDF. Chefredakteur Nikolaus Brender sagte, „die Leistung der Autorinnen ist besonders hervorzuheben, da es sehr schwierig ist, die Schulwirklichkeit mit den Mitteln des Fernsehens zu dokumentieren“. Der Erfolg zeige, wie wichtig den Zuschauern dieses Thema sei.

Natürlich hat „S.O.S. Schule“ im Kreise der Betroffenen auch Kritik erfahren – siebe oben. Für die Mehrzahl der Zuschauer bot und bietet die Dokumentation (heute läuft der letzte Teil) einen Einblick in eine Schulwirklichkeit, deren Alltag und Akteure weitgehend unbekannt sind. Sicherlich, jede Fernsehkamera beeinflusst die Situation, die sie abbildet; sicherlich sieht der Zuschauer das, was die Autorinnen aus einem halben Jahr Drehzeit und 1800 Stunden Material ausgewählt haben. Trotzdem bleibt es das Verdienst des Beitrages und des ZDF, ein bedrückendes, ja brutales Thema mit großer Sorgfalt, beträchtlichem Einsatz und auf breiter Programmfläche öffentlich gemacht zu haben.

Nach „S.O.S. Schule“ wird kaum einer mehr behaupten können, dass die Hauptschule in Deutschland nicht ein Konfliktfeld sondergleichen darstellt. Verzweifelte, renitente Schüler, verzweifelte, ohnmächtige Lehrer – und dennoch versuchen Schule, ein Sozialarbeiter und eine Familienpädagogin, ihren Schülerinnen und Schülern Wege aus der hoffnungslos erscheinenden Lage zu bahnen. „S.O.S. Schule“ zeigt, wie sehr Menschen sich abmühen, anderen Menschen zu helfen. Auch wenn es nicht immer gedankt und die Mühe nicht selten ohne Lohn bleibt.

„S.O.S. Schule – Hilferuf aus dem Klassenzimmer“, ZDF, 22 Uhr 15

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