Medien : „Zeigt das Kofi Annan“

Der Krieg und die Bilder: Gespräch mit Al-Dschasira-Korrespondent Suliman

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Das „heute-journal“ des ZDF hat am Sonntagabend auf Bilder der toten Kinder im Dorf Kana verzichtet. Wie hat sich Al Dschasira verhalten?

Wir haben es anders gemacht. Al Dschasira hat Bilder gezeigt, wenn auch nicht mit Details und in Nahaufnahme. Wenn man über ein Massaker berichtet, muss man massakrierte Menschen auch zeigen. Es gab darüber eine lange Diskussion im Sender. Allerdings bewegen wir uns in einer ganz anderen Atmosphäre als die ausländischen Medien. Unsere Reporter wurden in Kana massiv von verzweifelten Vätern bedrängt, die ihre toten Kinder in die Kamera hielten und schrien: „Zeigt das Kofi Annan“ oder „Vielen Dank, Condoleezza Rice“. Das deutsche Publikum, das ja sehr weit weg ist, will vielleicht solche Bilder nicht sehen, unser Publikum will sie sehen. Nicht aus Voyeurismus, sondern um zu erfahren, was geschehen ist. Wir haben diese Bilder ausgestrahlt, nicht weil wir uns mit ihrer Botschaft gemein machen wollten, sondern weil sie Teil des Geschehens sind.

Welche Seite übt am meisten Druck aus?

Wir haben sehr viel mehr gezeigt als die deutschen Medien und sehr viel weniger, als unser Publikum von uns verlangt. Wir müssen zwischen allen Seiten und Interessen manövrieren. Kritik gab es von offizieller israelischer Seite. Unsere Korrespondenten, die übrigens arabische Israelis sind, wurden zwei, drei Mal verhaftet. Diese Kritik muss man aber abtun als die Kritik einer kriegsführenden Seite. Andererseits wird uns vorgeworfen, wir hätten zu viele Israelis vor der Kamera, Sprecher der Regierung oder – noch schlimmer – Sprecher der israelischen Armee. Wieder anders: Wenn wir tatsächlich Propaganda für die Hisbollah machen würden, würden wir in Israel sofort verboten. Sind wir aber nicht. Die Israelis wissen genau, dass wir der Nachrichtensender Nummer eins für die arabische Welt sind.

Zwingt der Krieg im Nahen Osten einen panarabischen Nachrichtensender zur Parteinahme?

Jede Seite will, dass wir in Ton und Bild Partei nehmen. Was wir aber nicht tun. Wenn ein Israeli die Hisbollah als „Hunde“ beschimpft, was bei einer unserer Sendungen neulich wirklich geschah, kann das nicht als unsere Äußerung oder als unsere Meinung, sondern als O-Ton eines Israeli betrachtet und bewertet werden. Umgekehrt genauso. Ja, wir zeigen auch die Ängste der israelischen Bevölkerung, wenn sie bombardiert wird. Es gibt keine unterschiedliche Ethik bei den Tönen und Bildern für die libanesische und für die israelische Seite. Es ist nun mal aber eine Tatsache, dass die größten Verluste unter der Zivilbevölkerung bei den Libanesen zu verzeichnen sind.

Nach den Bildern, die die staatlichen Sender wie beispielsweise in Syrien zeigen, ist die Sache klar: Israel ist der Aggressor, der Libanon und die Hisbollah sind die Opfer.

Diese staatlichen Sender arbeiten nicht nach journalistischen Kriterien, sondern nach den politischen Kriterien der jeweiligen Regierung. Sie dürfen sich die arabische Medienwelt aber nicht eindimensional vorstellen: Ich lese gerade einen Artikel in einer arabischen Zeitung, der scharf kritisiert, dass ein Sender, wahrscheinlich ist der Hisbollah-Sender Al Manar gemeint, aus den Bildern der toten Kinder von Kana ein Videoclip schneidet, um Heldentum und Opferbereitschaft zu zeigen. Das ist Propaganda. Entscheidend ist und bleibt der Kontext, in dem Bilder benutzt und vor allem wie sie betextet werden.

Was ist das für eine Herausforderung für Sender wie Al Dschasira oder Al Arabija, von denen doch in erster Linie neutrale Informationen erwartet werden?

Jeder Konflikt ist eine neue Herausforderung. Wer immer behauptet, nur Richtiges gemacht zu haben, liegt automatisch falsch. Wenn deutsche Sender bestimmte Bilder, etwa die der toten Kinder von Kana, aus humanitären, aus ethischen Gründen nicht bringen, dann ernten sie, siehe nur die Demonstration am Wochenende in Berlin, sofort den Vorwurf: Ihr seid an der Seite Israels. Das zeigt die Kompliziertheit der Medienarbeit, die jeden Tag aufs Neue von den Mediengestaltern selbst auf den Prüfstand gestellt werden muss.

Arbeiten Al-Dschasira-Reporter als Embedded-Correspondents bei der Hisbollah, respektive bei der israelischen Armee?

Nein, denn unserer Ansicht hat sich das Prinzip des „embedded journalism“ schon beim letzten Irakkrieg nicht sonderlich bewährt. Unsere Reporter sind jetzt da, wo auch die Kollegen der BBC oder von CNN sind. Vielleicht auch hier und da mal intensiver und länger bei den Zivilopfern, nicht aber bei den Kämpfenden.

Das Interview führte Joachim Huber.

Aktham Suliman ist Deutschland-Korrespondent des arabischen Nachrichtensenders Al Dschasira.

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