Medien : Zeit für Revolutionen

Alle Macht den „Tagesthemen“ – Ein Plädoyer für eine wahrhaft beherzte Reform der ARD-Magazine

Joachim Huber

Deutschland soll jetzt Trauer tragen. Die sechs politischen Magazine der ARD werden zum Jahresbeginn 2006 von 45 Minuten auf 30 Minuten Dauer heruntergekürzt. So will es die Mehrheit Anfang dieser Woche beschließen. Das betrifft „Monitor“ (WDR), „Panorama“ (NDR), „Report Mainz“ (SWR), „Report München“ (BR), das betrifft „Kontraste“ (RBB) und „Fakt“ (MDR). Programme, die zum Ruhm des Ersten Deutschen Fernsehens beigetragen und in ihren besten Jahren am politischen Geschick des Landes mitgewirkt haben. Haben? Haben! Die sechs Magazine leiden nicht unter Auszehrung, sie leiden unter merkwürdiger Platzierung und mangelnder Wahrnehmung. Eigentlich wissen nur noch die Macher selbst, wann sie auf Sendung gehen. Sechs Magazine sind verteilt auf Montag und Donnerstag; von den drei am Montag und von den drei am Donnerstag ist jedes in jeder dritten Woche dran. Weiß jetzt einer, wann „Fakt“, „Monitor“, wann „Panorama“ läuft?

Fernsehen setzt eisern auf Gewohnheit, auf Wiedererkennbarkeit, auf gelernte Sendezeiten. Das ZDF, anders als die föderale ARD ein zentralistischer Sender, tut sich da leichter – und wird belohnt. „Frontal 21“ läuft am Dienstag um 21 Uhr, an jedem Dienstag um 21 Uhr. „Frontal“ liegt in der Wahrnehmung wie bei den Zuschauerzahlen vor den ARD-Magazinen. Die Sender der ARD haben das Rätsel nicht auflösen können, wie sie bei zwei Magazinen pro Woche und je Titel trotzdem nur in jeder dritten Woche aufgerufen, ein Magazin stemmen wollen, das im Reaktionsvermögen der ZDF-Konkurrenz nahe kommen will. „Frontal“ ist aktuell, ein Magazin zur Woche, mittendrin im Nachrichtenstrom und Informationsfluss. Ein schlagkräftiges ARD-Magazin, platziert an einem prominentem Sendeplatz, das wäre wahrhaftiger Wettbewerb.

Ehrlich, wer erwartet noch, dass von „Kontraste“ oder „Monitor“ eine Sensation, eine politische zumal, ausgeht? Die Magazine dieser Fernsehwelt sind so aufgeregt wie all die anderen beschleunigten Medien. Darüber ist der Konsument gelassener geworden, wenn er nicht abgestumpft ist. Was hat er nicht an Atemlosigkeit in den Magazinen erlebt, von der bereits nach Sendeschluss nichts mehr zu spüren war. Beispiel „Kontraste“ vom 26. Mai, das wenigstens drei Knaller im Angebot zu haben glaubte. 1. Die Deutsche Bahn spart sich für den Börsengang kaputt und gefährdet die Sicherheit aller Passagiere. 2. Herzkranke mit normaler Krankenkasse müssen früher sterben. 3. Mehrwertsteuererhöhung – wo für die maroden Kassen in dieser Zeit noch etwas zu holen ist.

Die Zuschauer nehmen es zur Kenntnis, zucken die Schultern und leben ihr Leben weiter. Schon an den Themen wird überdeutlich, dass es eine Exklusivität im Fernsehsystem, in diesem Supermarkt der Sendeangebote, kaum mehr geben kann. Die Deutsche Bahn – ein klarer Fall für „Plusminus“! Herzkranke – ein wunderbares Thema für den ARD-Ratgeber „Gesundheit“! Mehrwertsteuererhöhung – für jedes Format jenseits der Unterhaltung geeignet.

Alle drei Themen sind prädestiniert für die wahren Informationsgefäße der ARD: für die „Tagesschau“ mit täglich bis zu zehn Millionen Zuschauern, noch besser geeignet sind sie für die „Tagesthemen“, das Nachrichtenmagazin im Ersten. Von den „Tagesthemen“ geht die nächste ARD-Revolution aus: Sie werden 2006 um 22 Uhr 15 beginnen, mithin eine Viertelstunde früher starten (eben zu Lasten der Magazine) und allein schon deswegen mehr Zuschauer bekommen. Deshalb dieser Vorschlag, wenn es mit dem einen ARD-Magazin nicht klappen wird: Löst alle Magazine auf, und sorgt dafür, dass die „Tagesthemen“ zu dem aktuellen, täglichen Umschlagplatz der aufregendsten und wichtigsten Themen des Tages werden. Das klappt umso besser, je mehr die investigativen Abteilungen der Magazine für das Nachrichtenmagazin im Ersten arbeiten. Die ARD braucht nicht sechs halbstarke Magazine, sie braucht ein Magazin, das vor Kraft kaum senden kann. Und wenn es denn muss, dann können „Fakt“ & Co. immer noch in den Dritten die regionalen Kraftmeier spielen.

Eines muss den ARD-„Reformatoren“ um Programmdirektor Günter Struve klar sein: Eine Stärkung der vorgezogenen „Tagesthemen“ bedeutet enormen Druck auf die „Tagesthemen“. Wenn das journalistische Profil nicht verstärkt, das publizistische Gewicht nicht größer wird, dann ist die Operation vollkommen missglückt, sind die Magazine unnötig gekürzt worden – und die Reform der Reform steht vor der ARD-Tür.

„Der Spiegel“ erscheint seit 58 Jahren. Seine Bedeutung hat über die Jahre nachgelassen wie sein Umfang geschrumpft ist. Montag ist „Spiegel“-Tag? Ach was. Die Magazin-Spitze hat es als Erste gemerkt, vielerorts erscheint das Heft am Sonntag oder, je nach Entwicklung, am Samstag, am Freitag … Als politische Wetterfahne taugt das Magazin aus Hamburg nicht mehr. Das Heft bietet ein Allerlei der Themen, der politische Aufmacher ist die Ausnahme. Das Wichtige ist so wichtig wie das Interessante. Trotzdem: Im Bedeutungsvergleich liegt der „Spiegel“ weit vor allen ARD-Magazinen, auch weil er wöchentlich erscheint. Themen besitzen da Kontinuität, bei den ARD- Produkten muss das Ex-und-hopp-Prinzip triumphieren. Ein Printmagazin mit hohem politischen Anspruch, das alle drei Wochen erscheint – wie soll das denn funktionieren? Bis vor einigen Jahren hatte eine „Spiegel“-Ausgabe im Schnitt gefühlte 300 Seiten. Die ARD-Magazine sollen von 45 auf 30 Minuten Sendelänge abspecken, mithin ein Drittel Umfang verlieren.

Ist schon einer auf die Behauptung verfallen, dass der „Spiegel“ mit 200 Seiten aufregender und relevanter wäre als der „Spiegel“ mit 300 Seiten?

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