Medien : „Zeitgeistmagazine haben keine Zukunft“

Der neue Henri-Nannen-Schulleiter Christoph Fasel über Nutzwertjournalismus und die Themen von morgen

-

Sie gelten als der Prophet des Nutzwertjournalismus, Herr Fasel. Was ist das?

Nutzwertjournalismus gibt dem Leser einen konkreten Anhaltspunkt zum Handeln.

Wo sind die Grenzen? Gibt es nutzwertige Kriegsreportagen?

Nein. Die Grenze ist erreicht, wenn das Sujet außerhalb der Lebenswelt der potenziellen Nutzer liegt. Ich wünsche natürlich keinem Leser in Deutschland, dass er in seiner Lebenswelt je wieder so etwas wie Krieg erleben muss.

Was halten Sie von folgender Überschrift für dieses Interview: „Erste Hilfe statt Edelfedern“.

Da würde man mich reduzieren. Ich bin nicht nur ausgewählt worden wegen dieses einen Buches…

… vergangenes Jahr kam ihr Buch mit dem Titel „Nutzwertjournalismus“ heraus…

…ich habe weitaus mehr über Journalismus geschrieben. Ich war sechs Jahre „Stern“-Reporter und hab’ genau das Gegenteil gemacht: die große Erzählform. Zweitens, ich bin ehemaliger Nannen-Schüler, und, drittens, ich war elf Jahre bei Gruner + Jahr. Ich kenne den Laden.

Wie wichtig ist der Verlag für die Schule?

Die Schule ist unabhängig – aber sie wäre wenig ohne „Stern“, „Geo“, „Brigitte“ und „Eltern“, das ist völlig klar. Eine Schule, die auf Qualitätsjournalismus setzt, ist ohne ein solches Haus nur die halbe Miete, schon wegen der Praktika.

Und der Nutzwertjournalismus?

„Eltern“, „Essen und Trinken“, „Schöner Wohnen“ sind die Marktführer in ihrem Segment.

Was machen die richtig?

Die Redakteure versuchen, sich in die Bedürfnisse ihrer Leser einzufinden, sich dieselben Fragen zu stellen – und diese Fragen dann redlich zu beantworten.

Und wo läuft das schief?

Dort, wo Zeitschriften Pressemitteilungen abschreiben.

Namen, bitte.

Einige Baumagazine. Die verkaufen redaktionellen Inhalt, ohne das mit „Promotion“ oder Ähnlichem zu kennzeichnen. Das ist Betrug am Leser.

Aber ist das nicht nahe liegend? Die Trennung zwischen Nachricht und Meinung spielt bei Nutzwertjournalismus keine Rolle.

Ein Nutzwertstück hebt die angelsächsische Trennung zwangsläufig ein Stück weit auf, ja. Aber nehmen sie was Banales: Mein Kind trotzt den ganzen Tag, das Leben ist die Hölle – ich hab’ vier von der Sorte, ich weiß, wie das ist. Nun kauft sich die verzweifelte Mutter „Eltern“ und erhofft sich Hilfe. Es wäre doch völlig verschenkt, wenn da steht: ‚Och, da könnte man das machen, oder probieren sie das hier mal.’ Im anderen Fall setzt sich der Journalist wirklich hin, wühlt sich durch Gespräche, checkt gegen und kommt dann zu einem Fazit. Diese Orientierungshilfe ist das Ergebnis einer gründlichen Recherche, keine bloße Meinung.

Ein hoher Anspruch. Sollten Redaktionen ihre Nutzwert-Schreiber besonders kontrollieren?

Nein, dafür braucht es nur eines: Handwerk – und ein gewisses Ethos. Was gar nicht geht: Beispiele erfinden.

Wo gibt es denn so was?

Ich möchte keine Namen nennen, aber ich kenne viele Zeitschriften, bei denen das üblich ist.

In Ihrem Buch schreibt ein Autor, „Computer-Bild“ sei „Hirnnahrung“. Bitte erklären Sie das.

Wieso? Das ist Nutzwertjournalismus, der exzellent gelungen ist. Die haben es geschafft, in einem von Terminologie durchseuchten Gelände jede Form von Jargon zu verbannen.

Sie fordern: „200 Prozent Recherche, 150 Prozent kapieren, 100 Prozent produzieren.“ Wie soll das gehen in der Medienkrise?

Nehmen Sie Henri Nannens Prinzip vom Küchenzuruf: „Warum muss ich das wissen?“ Damit geht es schneller, Sie haben klare Leitplanken für Ihre Recherche. Was ich mit 200 Prozent meine: Gucken Sie sich doch mal an, wie viel Recherche, gerade von jüngeren Kollegen, nur noch im Internet stattfindet. So wie wir beide hier sitzen, von Angesicht zu Angesicht, ich habe das Gefühl, das viele, gerade jüngere Journalisten das regelrecht scheuen.

Zurzeit schreiben Sie mit an einem Buch zur Zukunft des Journalismus. Wer bleibt, wer geht?

Die großen Marken werden die Gewinner sein. „Stern“, „Geo“, alles, was einen großen Namen hat. Auch die „Frankfurter Rundschau“, „Süddeutsche“. Wir haben nie so viele Magazine und Fernsehkanäle gehabt. Die Verfügbarkeit von Wissen ist erschlagend. Was die Leute brauchen, ist nicht noch mehr Wissen, sondern die Kenntnis darüber, welches Wissen relevant ist. Ohne den „Spiegel“ wüssten dreißig Prozent aller Gymnasiallehrer der Sekundarstufe II nicht, worüber sie mit ihren Kollegen montags in der großen Pause reden sollen.

Wer schafft es nicht?

Alle, die entbehrlich sind.

Namen.

Alle Zeitgeistmagazine. Ein „Max“ braucht kein Mensch. Dann „Fit for Fun“, „Men’s Health“; die Gesundheitswelle hält noch an, aber die haben überdreht: Waschbrettbauch in drei Tagen, das glaubt keiner mehr. Wir haben die Frauenzeitschriftenwelle gehabt, dann Männer, Wissen, jetzt Gesundheit. Soll ich verraten, was das nächste Megathema wird?

Bitte.

Einsamkeit. Das wird ein Megathema. Ich könnte mir gut vorstellen, darüber eine Zeitschrift zu machen.

Über Einsamkeit?

Aber weg vom Schmuddelimage, bitte. Es geht ja nicht um Sexanbahnung. Die Menschen haben Sehnsucht nach dem anderen. Sie müssen sich mal anhören, was in Telefonseelsorgen los ist.

Sie geißeln den zunehmenden Sarkasmus im Journalismus. Zwei aktuelle Beispiele: Schröders Auftritt in der Elefantenrunde und Schilys Vorgehen bei „Cicero“. Ist Sarkasmus angesichts dessen nicht nötiger denn je?

Überhaupt keine Frage. Nur, wenn ich einer 80-jährigen Dame erkläre, was sie für ihre Thrombose-gefährdeten Beine tun soll, kann ich nicht schreiben: „Neue Hilfe für alte Beine.“ Da muss ich Empathie walten lassen, da muss ich an den Leser ran. Dieser Aufruf geht nur auf Nutzwert! Bitte, der „Spiegel“ ist ein zynisches Organ, und das macht ihn so gut.

Das Gespräch führte Felix Serrao.

0 Kommentare

Neuester Kommentar