Medien : Zeitläufte

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Tom Peuckert verrät,

was Sie nicht verpassen sollten

Schon wieder eine neue Zahl vorn auf dem Kalender. Eben redete noch alles vom Milleniumswechsel, jetzt hat das neue Jahrhundert bereits Patina angesetzt. Wie Sand rinnt uns die Zeit durch die Finger. Niemand wagt es, sich laut zu beklagen, aber im Grunde gibt es kein größeres Problem. Deshalb ist die Zeit auch eines der Lieblingsthemen der Kunst. Wie sie als stetig wachsendes Narbengeflecht auf den Seelen und Körpern lastet. Eine Killerin, die unsere Leiber eines Tages einfach unter sich begräbt.

„Nichts weiter als das“ heißt ein Hörspiel von Sebastian Goy, in dem ein Mann in den Untiefen seiner Lebenszeit versinkt. Der Mann ist nicht mehr jung, aber noch nicht uralt. Satt und melancholisch, aber noch nicht ganz fertig mit der Welt. Nun drängt alles noch einmal in seinen Kopf hinein: die Bilder und Töne der Kindheit, die Reize des Erwachsenwerdens und die Lasten des Erwachsenseins. Eben sang sein Großvater noch Lieder für ihn, da hört er bereits die Stimmen seiner eigenen Kinder. Er hat selbst Enkel und die Kinder sind schon lange unerreichbar fern. Es ist tatsächlich „nichts weiter als das“: Schmerz und Ratlosigkeit, Hoffnung und etwas Liebe, ein paar späte Einsichten. Die Zeit geht mühelos darüber hinweg (Deutschlandradio, 10. Januar, 19 Uhr 05, UKW 89, 6 MHz).

Auch in Sabine Küchlers preisgekröntem Hörspiel ist von der Zeit die Rede. „Uhrenvergleich“ erzählt von vier Geschwistern, die dem Leben mit einer Art Totstellreflex begegnen. Noch immer hocken sie im Haus der Eltern, im Zimmer ihrer Kindheit. Biografische Leistungsverweigerer, surreale Aussteiger. Und da ist Hannah, das fünfte der Geschwister, die als einzige die Familienfestung verlassen hat. Diese ungeheure Tat macht sie zum Mittelpunkt aller Gespräche und sogar des finsteren Schweigens, das immer stärker über dem Haus lastet (Deutschlandfunk, 7. Januar, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

Was aber geschieht, wenn der Zeitpfeil plötzlich seine Richtung verliert? Wenn Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr zu unterscheiden sind? „Wie ich mir Bernd Kirschkes Kopf zerbrach“ heißt ein amüsantes Hörspiel von Bert Koss, das den Casus einmal durchspielt. Zehn Jahre nach der Wende steht jener Bernd Kirschke wieder vor dem ostdeutschen Kinderheim, in dem er eine freudlose Kindheit verbrachte. Zu seiner großen Überraschung ist drinnen alles noch am alten Platz. Gerade wird der 1. Mai mit realsozialistischem Ernst gefeiert. Und der Zögling Kirschke, so behaupten die strengen Erzieherinnen, liegt natürlich oben in seinem Kinderbett. Da wird nun deutlich, wie furchtbar es eigentlich wäre, wenn die Zeit plötzlich nicht mehr verginge (Radio Kultur, 10. Januar, 21 Uhr, UKW 92,4 MHz).

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