Zeitschriften : Die Super-Nannys

Die Geburt wird exzessiv vorbereitet, die Zeit danach allerdings nicht. Deswegen werden Eltern- und Familienmagazine werden als Ratgeber immer wichtiger.

Sonja Pohlmann

Ob es schädlich für das Kind ist, durch die gepiercte Brustwarze gestillt zu werden. Wie man seiner dreijährigen Tochter beibringt, in der Öffentlichkeit nicht an ihrem Geschlecht zu spielen, und wie sich Väter fühlen, wenn sie wegen ihres Kindes im Job pausieren. All das sind Fragen, die sich Eltern vor 42 Jahren noch nicht stellten – weil es keine Piercings gab, Sex noch zu den Tabuthemen gehörte und es ganz selbstverständlich war, dass Väter arbeiten gingen, während Mütter auf die Kinder aufpassten. Damals kam „Eltern“ als erste Zeitschrift für Familie und Erziehung an den Kiosk. Inzwischen wird wie in der aktuellen Ausgabe zwar offen über Piercings, Sexualität und Elternzeit diskutiert, doch Kinder großzuziehen ist für Eltern trotzdem nicht leichter geworden.

„Eltern sind heute verunsicherter denn je“, sagt Marie-Luise Lewicki, Chefredakteurin des Magazins „Eltern“. Gerade weil es noch nie so viele verschiedene Möglichkeiten gab, sein Kind auf die Welt zu bringen, zu ernähren, zu erziehen und ausbilden zu lassen. Und gerade, weil Eltern über diese Möglichkeiten noch nie so gut informiert waren. Denn die Kehrseite liegt in der Chancenvielfalt: „Was ist bloß das Beste für mein Kind?“ fragen sich viele Mütter und Väter.

Magazine wie „Eltern“ wollen Orientierung bieten. Dass mehr als eine Million Hefte auf dem Markt der Eltern- und Familienmagazine verkauft werden, zeugt vom enormen Beratungsbedarf – der künftig noch weiter wachsen dürfte. Die Geburtenrate in Deutschland steigt wieder leicht an, rund 685 000 Babys wurden im vergangenen Jahr geboren, 12 000 mehr als 2006, wie das Statistische Bundesamt jetzt mitgeteilt hat.

Das Magazin „Eltern“, von dem monatlich rund 341 000 Exemplare verkauft werden, richtet sich an Väter und Mütter, die bald ihr Baby bekommen und deckt die Zeitspanne bis zum Kindergartenalter ab. Weil sich das Kind in diesen ersten Lebensjahren so rasant wie nie mehr entwickelt, sei die Unsicherheit über den richtigen Umgang besonders groß, sagt Lewicki: „Viele Menschen haben das natürliche Verhältnis zu Babys verloren.“ Während früher mehrere Generationen unter einem Dach lebten und viele Kinder noch die Geburt jüngerer Geschwister miterlebten, sei die Gesellschaft heute zweigeteilt: Hier Menschen mit Kindern, dort Menschen ohne Kinder. Beide Gruppen würden sich nur selten mischen. Wenn plötzlich das Baby da ist, seien viele Eltern überfordert: „Die Geburt wird in Deutschland exzessiv vorbereitet, nicht aber die Zeit danach“, sagt Lewicki.

In der Münchner „Eltern“-Redaktion sitzen deshalb nicht nur Experten für Schwangerschaft und Erziehung, auch externe Spezialisten geben Rat. Beispielsweise dazu, wie Babys angefasst werden sollen oder wie man Kinder zur Selbstständigkeit erzieht. „Eltern Family“ will anschließend die Eltern begleiten, bis ihre Kinder die Pubertät erreicht haben. „Wichtig ist, dass Eltern nicht jedem Trend hinterherrennen, sondern eine Erziehung vertreten, die zu ihrer Persönlichkeit passt“, sagt Lewicki.

Auch bei „Baby & Co“ aus dem Verlag Family Media, der außerdem „Familie & Co“ und „Spielen und Lernen“ herausgibt, gibt es Rat rund um Erziehungsthemen – allerdings eher verpackt in eine „Wohlfülwelt“, wie Chefredakteur Hauke Johanssen sagt. Mit verspielten Elementen und pastellfarbenen Tönen sollen selbst die unangenehmen Seiten eines Kaiserschnitts so positiv wie möglich dargestellt werden. Das scheint anzukommen, monatlich werden 99 419 Hefte verkauft.

Solche biologischen Themen spart „Infamily“ lieber gleich aus. Anfang August gestartet, ist das Magazin aus dem Auerbach Verlag nicht nur das jüngste auf dem Markt der Elternmagazine, sondern auch das erste, das seinen Schwerpunkt auf Multimedia legt. Computerspiele werden getestet, DVDs und Filme darauf hin geprüft, ab welchem Alter sie für Kinder geeignet sind. „Wir wollen die Medienkompetenz der Eltern schärfen, bevor sie aus lauter Verunsicherung ganz den Stecker ziehen“, sagt Chefredakteur Uwe Funk. Technische Themen dürften auch Väter interessieren – bislang werden Familienmagazine vor allem von Müttern gekauft und gelesen. Nicht nur, weil ihr Kommunikationsbedarf größer ist. „Erziehung ist immer noch überwiegend Frauensache“, sagt „Eltern“-Chefredakteurin Lewicki. Durch die Vätermonate würden sich aber immer mehr Männer über die finanziellen und technischen Seiten der Erziehung hinaus engagieren. Angst, etwas falsch zu machen, müssten sie dabei aber nicht haben, beruhigt Lewicki: „Wer seine Kinder liebt, sie ohne Gewalt erzieht und ihnen das Zähneputzen beibringt, hat die wesentlichen Dinge schon geschafft.“

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