Medien : Zeitschriften: Die zerrissene Zeit

Barbara Nolte

Die wohl häufigste Feststellung über die Anschläge in Amerika - abgesehen vielleicht davon, dass sie "wie im Kino" seien - lautet: Nichts sei mehr, wie es vorher war. Die Zeit habe sozusagen einen Riss bekommen. Und diesen Riss bekamen auch die Zeitschriften-Macher zu spüren. Sie müssen ja immer ein bisschen Hellseher sein und sagen, über was die Deutschen in der nächsten Woche reden. Aber als in Manhattan das World Trade Center einstürzte, ratterten bei einigen Donnerstags-Illustrierten schon die Druckmaschinen. Und so kam es, dass "Gala" und "Bunte" mit dem lächelnden Bräutigan Heiner Lauterbach auf dem Titel rauskamen, druckfrische Hefte, die aussehen wie gut erhaltene archeologische Fundstücke.

Denn seit vergangenem Dienstag gibt es nur noch ein Thema, es gibt nur ein mögliches Titelbild: das World Trade Center. Explodierend. Und wer heute durch die Kioske geht, der sieht es auch auf "Stern", "Max" und "Bunte" prangen. Die Zeitschriften-Macher haben hektisch Sonderausgaben produziert. Aber was kann man überhaupt so schnell sagen über die neue Zeit?

Noch nicht viel. Wenn man sich die Sondernummern anschaut, kann man sagen,dass die neue Zeit offenbar nur eine Perspektive kennt. Die Hefte sind ähnlich: Lange Fotostrecken - teilweise sind die Bilder in "Max", "Stern" und "Super-Illu" identisch -, beschrieben in einer Sprache des Grauens. Da wird ein U-Bahn-Eingang zum "Vorhof der Hölle" ("Max"). Doch der Versuch, für das Schreckliche ebenso schreckliche Worte zu finden, liest sich oft wie ein schlechter Krimi. Immer wieder ist von Krieg die Rede, von "Weltkrieg", wie "Max"-Autorin Ulrike Posche schreibt: "Und wir werden dabei sein." Was ist von der Prognose zu halten? Ist es vielleicht nur das Geklapper von Journalisten: Es wird noch viel viel schlimmer, lesen Sie! Die ersten Einberufungsbefehle gab es schon. Sie gingen an Rentner: an Hans-Jürgen Wischnewski etwa oder Peter Scholl-Latour, die die Terrorwelle in Interviews kommentierten. Die Alten halten, nebenbei bemerkt, nicht viel vom Wort Krieg.

In "Spiegel" und "Focus", die am Samstag rauskamen, ist schon wieder ein Stück Normalität eingekehrt - in Form eines Berichts über Lothar Matthäus zum Beispiel. Das ist beruhrigend. Und selbst das Wort "Terror", das die New Yorker Explosionen für immer mit den Wörtern "gegen Amerika" verschmolzen zu haben schienen, taucht in einem anderen Zusammenhang auf: Florian Illies schreibt von "Terror des guten Gewissens" der Deutschen. Nichts ist mehr, wie es vorher war - für die Zeitschriften gilt das offenbar nicht. Die Klatschkolumnisten tragen jedenfalls schon wieder Party-Termine in ihre Kalender ein.

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