Zeitung : Last Man Standing

Kritiker bezweifeln, dass die Hinhaltetaktik von Verleger Arthur Sulzberger jr. die "New York Times" retten kann.

Sebastian Moll
Sulzberger
Arthur Sulzberger. -Foto: AFP

Im Grunde war die Nachricht nicht dramatisch, wenn man bedenkt, in welchem Gesamtzustand sich die US-Zeitungsbranche befindet. Die „New York Times“hat 100 Redakteuren Abfindungsangebote zukommen lassen und wird bis Jahresende die Größe ihres Newsrooms auf gut 1200 Mitarbeiter reduzieren. Vom Standpunkt der Konkurrenz aus gesehen sind das paradiesische Zustände. Die „Los Angeles Times“, die einst 1300 Redakteure hatte, beschäftigt noch 650 Journalisten, bei der „Washington Post“ sind gerade einmal 600 übrig. Dennoch schlug die Meldung ein wie eine Bombe. Bislang war die „Times“ als einzige große US-Zeitung ohne nennenswerte Belegschaftskürzungen ausgekommen. Verleger Arthur Sulzberger hatte eisern seine Linie durchgehalten, die Qualität der wichtigsten Zeitung des Landes trotz der Branchenkrise nicht zu kompromittieren. Die „Times“ werde entweder als beste Zeitung der Welt überleben oder eben untergehen. Ein langsames Dahinsiechen mit einem verkümmernden Produkt wird es unter ihm nicht geben.

„Last Man Standing“ ist diese Taktik genannt worden, die von der Hoffnung lebt, dass die „Times“ den gesamten Restmarkt für Qualitätsjournalismus irgendwann auf sich vereinigen wird. Leisten kann das Blatt sich diese Durchhaltestrategie, weil es als letzte der großen US-Zeitungen im Prinzip als Familienunternehmen geführt wird. Die 27 Angehörigen des Sulzberger-Ochs-Clans sind als einzige Aktionäre des Unternehmens stimmberechtigt. Der Rest der Anteilseigner hat keinen Einfluss auf unternehmerische und redaktionelle Entscheidungen.

Die Struktur erlaubt es den Sulzbergers, den Betrieb nicht nach streng betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu führen. Statt Profitmaximierung regiert die Familientradition, die diktiert, die „Times“ als gesellschaftliche Institution zu betrachten. Ab dem zehnten Lebensjahr gehen Sulzbergers zu regelmäßigen Familientreffen, bei denen ihnen die Vision ihres Ururgroßvaters, des Verlagsgründers Alfred Ochs, beigebracht wird. Wer volljährig wird oder in die Familie einheiratet, muss ein mehrtägiges Seminar im Verlagsgebäude über den Wert der Zeitung über sich ergehen lassen. So steht die Familie geschlossen hinter der Politik von Arthur Sulzberger, auf Gedeih und Verderb kostspieligen Qualitätsjournalismus zu betreiben. Das „Wall Street Journal“ wurde vor zwei Jahren nicht zuletzt deshalb an Rupert Murdoch verkauft, weil Mitglieder der Verlegerfamilie Bancroft ausbezahlt werden wollten. Im Sulzberger-Clan wäre so etwas undenkbar.

Doch obwohl die Identität eines jeden Sulzbergers von klein auf eng an die Zeitung geknüpft ist, hatten nur wenige Lust, tatsächlich im Geschäft Verantwortung zu übernehmen. Die Ochs-Sulzbergers sind Professoren, Schriftsteller, Musiker, Philantropen oder Dandys. Im Verlag engagiert sind aus der vierten Generation nur Arthur und sein Cousin Michael Golden, ehemaliger Herausgeber der „Times“-Tochter „International Herald Tribune“. Und auch Arthur stolperte eher zufällig in den Posten des Herausgebers hinein. Als Jugendlicher war der heute 57-Jährige ziellos, nahm Drogen und fuhr Motorrad. Erst spät, nachdem ihm sein Vater Arthur Ochs-Sulzberger, genannt „Punch“, einen Reporterjob bei der „Times“ verschafft hatte, fand er Gefallen am Journalismus.

Laut Mark Bowden, der in „Vanity Fair“ ein Porträt des Verlagserben veröffentlichte, ist Sulzberger „ein sorgsamer und vorsichtiger Steuermann“, ein guter Hüter seiner Hinterlassenschaft. Allerdings bezweifelt Bowden, dass Sulzberger der Richtige dafür ist, das Blatt durch diese schwierigen Zeiten zu navigieren. Sulzberger sei bestrebt, das Prestige der „Times“ zu bewahren sowie ihre Rolle als gesellschaftliche Institution. Was die „Times“ aber in diesen Zeiten eher brauche, sei ein waghalsiger, visionärer Unternehmer. Sulzberger bezeichnet sich als „Plattform-Agnostiker“ – einer, der herausragenden traditionellen Journalismus produzieren will, dem die Verbreitungsformen dabei jedoch gleichgültig seien. Der Inhalt der „Times“ wird komplett ins Netz gestellt, die Website zusätzlich mit Videos, Blogs, interaktiven Grafiken versehen. Alles von feinster Qualität. Unterm Strich sei es bei der „Times“ jedoch ähnlich wie in der frühen Ära des Spielfilms, so Bowden, als man im Prinzip Theaterstücke abgefilmt habe. Wer in Zukunft mitmischen wolle, der komme jedoch nicht daran vorbei, auch den Inhalt dem Medium anzupassen.

Unternehmerisch ist Sulzberger ähnlich ideenlos – er verwaltet die Krise und hofft, dass das Flaggschiff des US- Journalismus durch die rauen Zeiten segeln wird. Seine Politik besteht darin, das Schiff immer wieder knapp vorm Untergang zu retten, wie jüngst mit den Entlassungen, mit dem Verkauf von Vorzugsanteilen an den mexikanischen Milliardär Carlos Slim oder mit der Beleihung des neuen Stammhauses. Mutig war Sulzberger alleine, als es der Zeitung noch gut ging. Manche der Entscheidungen von damals bereut er bitter. So hat die „Times“ sich mit dem Bau des Bürogebäudes durch den Starchitekten Renzo Piano für 500 Millionen Dollar deutlich verhoben.

Bowden glaubt trotz dieser Führungsschwäche, dass die „Grey Lady“ die Wirtschaftskrise mit Schrammen überstehen wird. „Das Zeitungssterben in den USA ist nicht, wie viele meinen, eine Sache von Monaten. Wir reden von Jahren, vielleicht Jahrzehnten.“ Langfristig müsse sich die „Times“ aber mehr einfallen lassen, als bloß die Tradition zu wahren. Gerade weil sie es sich auf die Fahnen geschrieben hat, den seriösen Journalismus in Amerika zu retten. Sebastian Moll

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