Zeitung vor dem Aus : Kahlschlag

Paukenschlag im Schwabenland: Die Redaktion von „Sonntag aktuell“ soll schließen, 17 Mitarbeiter sind betroffen. Jetzt kämpfen sie für ihre Arbeitsplätze.

Markus Ehrenberg

Paukenschlag im Schwabenland: Die komplette Redaktion der zweitgrößten deutschen Sonntagszeitung „Sonntag aktuell“ in Stuttgart wird zum Jahresende geschlossen. Betroffen seien 17 Mitarbeiter, teilte die Geschäftsführung der Sonntag aktuell GmbH zum Ende der vergangenen Woche ziemlich lapidar mit. Der Verwaltungsrat habe den Chefredakteur der „Stuttgarter Nachrichten“, Christoph Grote, damit beauftragt, „ein inhaltliches, optisches und organisatorisches Redaktionskonzept für einen Relaunch zu erarbeiten“. Es hat ein paar Tage gedauert, bis sich verstärkter Protest gegen diese auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten ungewöhnlich drastische Maßnahme regte. Rund 200 Journalisten, darunter Mitarbeiter der „Stuttgarter Nachrichten“, demonstrierten am Dienstag nach einer Betriebsversammlung von „Sonntag aktuell“ vor dem Hauptquartier der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) gegen den von der SWMH-Spitze verfügten Rausschmiss. Auf Plakaten stand unter anderem zu lesen: „Totengräber der Pressevielfalt“.

„Zwischen entsetzt und wehrhaft“ beschreiben Teilnehmer die Stimmung auf der vorherigen Betriebsversammlung. Gewerkschaftler sprachen von einer „Riesensauerei“. Die Kritik richte sich nicht so sehr gegen das Konzept, das Ziel, jüngere Leserzielgruppen im Sonntagsmarkt besser zu erreichen und das Produkt im Anzeigen- und Beilagenmarkt zu positionieren, sondern vor allem gegen das Verfahren. Offenbar habe die Geschäftsführung des SWMH-Verlages einen Fehler gemacht und den Betriebsrat vor der öffentlichen Bekanntgabe nicht von ihrer Absicht informiert. 14 Redaktionsmitglieder kündigten an, sie würden die Entscheidung „nicht widerstandslos hinnehmen“. Der Deutsche Journalisten-Verband wies darauf hin, dass seit Anfang des Jahres jeder konkrete Vorschlag der Belegschaft ignoriert wurde, was die Weiterentwicklung und journalistische Qualität von „Sonntag aktuell“ betrifft. Kritiker befürchten, dass aus der bislang engagierten Regionalzeitung für den Sonntag ein billiges Anzeigenblatt werden wird.

„Sonntag aktuell“ erreicht als siebte Ausgabe mehrerer Tageszeitungen wie der „Stuttgarter Zeitung“ eine Auflage von rund 650 000 Exemplaren. Eine Stellungnahme der SWMH, die mit dem Kauf der „Süddeutschen Zeitung“ 2008 zweitgrößtes deutsches Zeitungshaus ist, war nicht zu erreichen. Der Geschäftsführer der Sonntag Aktuell GmbH, Bernhard H. Reese, hatte Gespräche mit dem Betriebsrat über sozialverträgliche Regelungen angekündigt. Redaktionsdienstleistungen sollen zugekauft werden. Allerdings: Noch kein Mitarbeiter sei bislang entlassen, heißt es. Manche Redakteure seien über 20 Jahre im Verlag, Kündigungen zum Jahresende eher unwahrscheinlich. Für den 31. Juli ist ein Gespräch zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat anberaumt. Markus Ehrenberg

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