Zeitungen : Der mutige Holländer

Niederländische Verleger wagen mehr als deutsche.

Herien Wensink

„Jetzt sind wir moderner, handlicher und frischer“, sagt Pieter Broertjes, Chefredakteur von „De Volkskrant“, der größten überregionalen Qualitätszeitung in den Niederlanden. Seit Montag erscheint die Zeitung im kleineren Tabloidformat. Damit gibt es nur noch zwei überregionale Zeitungen in den Niederlanden, die im Broadsheetformat herauskommen: die Qualitätszeitung „NRC Handelsblad“, die am Nachmittag erscheint, und die Boulevardzeitung „De Telegraaf“. In Deutschland erscheint beispielsweise die „Süddeutsche Zeitung“ im Broadsheetformat.

„Broadsheet ist unpraktisch und altmodisch“, sagt Broertjes. Wie „De Volkskrant“ suchen viele niederländische Zeitungen nach Lösungen, um dem Auflagenrückgang zu stoppen, mit dem nahezu jede Zeitung zu kämpfen hat. Verkauften die niederländischen Blätter 2008 noch 5,3 Millionen Exemplare, wird die Stückzahl 2013 auf 4,4, Millionen sinken, zeigten Untersuchungen. Auch die Erlöse aus Anzeigen nehmen ab. Wurden damit 2008 insgesamt noch 710 Millionen Euro verdient, waren es 2009 nur noch 475 Millionen Euro. Deshalb suchen die Zeitungen neue Einnahmequellen. Verschiedene Zeitungen, wie das christliche Blatt „Nederlands Dagblad“, werden ihre Information im Internet kostenpflichtig machen. Die Online-Seiten von „De Volkskrant“ sollen vorerst kostenfrei bleiben.

Seit 2009 gehört das Blatt dem Belgier Christian van Thillo. Im vergangenen Jahr hatte er mit seinem Zeitungsverlag De Persgroep 51 Prozent der Anteile vom größten niederländischen Zeitungsverlag PCM übernommen. Neben „De Volkskrant“ besitzt er nun drei weitere große niederländische Zeitungen: „Trouw“, „Algemeen Dagblad“ sowie die Amsterdamer Stadtzeitung „Het Parool“, die ihm seit 2003 gehört. Das ebenfalls von PCM erworbene „NRC Handelsblad“ und die Morgenedition „nrc.next“ hatte er auf Druck der niederländischen Kartellbehörde wieder verkaufen müssen.

Auch wenn van Thillo oft beteuert, dass Zeitungen seine Leidenschaft sind, ist er gefürchtet: „Das Viertel von van Thillo“ heißt es, wenn er kommt, denn: bei jeder Zeitung, die er kauft, wurde bisher ein Viertel der Redakteure entlassen. Bei „De Volkskrant“ mussten 20 von 215 Redakteuren gehen. Das neue Tabloidformat von „De Volkskrant“ ist jedoch keine Sparmaßnahme, sagt Pieter Broertjes. „Im Gegenteil, wir werden sogar mehr Seiten machen.“ Broertjes erwartet, dass das neue Format neue Leser anziehen wird. „Besonders junge Leute lesen am liebsten Tabloid. Und wir möchten gerne neue Leser gewinnen, aber auch die alten Leser behalten. Geschichte und Moderne müssen zusammengehen.“

Nach solch einer Kombination sucht auch Birgit Donker, Chefredakteurin von „NRC Handelsblad“. „Ich glaube, unsere Leser mögen noch immer Qualitätsjournalismus. Aber, sie wollen ihn heutzutage oft auf eine andere Art und Weise bekommen. Deshalb werden wir neue Wege suchen, unsere Inhalte anzubieten.“ Vor vier Jahren startete „NRC Handelsblad“ die Morgenedition „nrc.next“ im Tabloidformat für ein jüngeres Publikum. Die Zeitung ist mit einer Auflage von 80 000 Exemplaren erfolgreich. Außerdem gibt es neue digitale Konzepte, zum Beispiel ein Abonnement für E-Reader, und Programme für das iPhone.

Der größte Unterschied zwischen niederländischen und deutschen Zeitungen ist nach Ansicht von Zeitungsforscher Piet Bakker von der Universität Amsterdam, dass sich „deutsche Zeitungen kaum erneuern. Sie nehmen keine großen Risiken auf sich.“ Auch die Auflagen vieler deutscher Zeitungen würden stark abnehmen, sagt Piet Bakker, „aber die Verleger erhöhen einfach den Preis der Zeitungen. Auf diese Art und Weise kann es noch lange weitergehen – aber eben nicht ewig.“ Herien Wensink

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