Zeitungen : Die Papier-Flieger

NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers will Gratis-Abos für Schüler. Nur: Wer soll das bezahlen?

Adrian Pickshaus,Markus Ehrenberg

Die Ansage sorgte für Aufregung in der nordrhein-westfälischen Presselandschaft: Ministerpräsident Jürgen Rüttgers will die rund 200 000 Neuntklässler des bevölkerungsreichsten Bundeslandes ein Jahr lang kostenlos mit Tageszeitungen versorgen. Das kündigte der CDU-Politiker beim Medienforum Nordrhein-Westfalen in dieser Woche an. Rüttgers sagte, durch das Projekt mit dem Arbeitstitel „Zeitung in der Schule – Schule in der Zeitung“ sollten Jugendliche „ein Gespür für die Qualität einer Information entwickeln“. Zudem solle jungen Menschen verdeutlicht werden, „warum der Journalist wichtig ist und was ihn ausmacht“.

Anscheinend hat sich der CDU-Politiker vom französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy (UMP) inspirieren lassen. Der hatte im Januar ein 200 Millionen Euro schweres Hilfspaket für in finanzielle Not geratene Zeitungen aufgelegt. Jetzt wurde bekannt, dass das Maßnahmenbündel auch Gratis-Abos beinhaltet. Mit dem 18. Geburtstag können sich Franzosen ein Jahr lang einmal wöchentlich eine Zeitung ihrer Wahl zukommen lassen. Fünf Millionen Euro lässt sich Paris die Auslieferung kosten. Die Zeitungen stellen die französischen Verlage kostenlos zur Verfügung. Sarkozys inzwischen abgelöste Kulturministerin Christine Albanel rechnet mit 200 000 Abonnenten.

Anders als in Frankreich ist das Finanzierungsmodell in Nordrhein-Westfalen trotz Rüttgers’ markiger Worte noch ungewiss. Die Staatskanzlei betonte auf Nachfrage, dass keine direkten Landeshilfen für die regionale Presselandschaft vorgesehen seien. Ob die Verlage solch ein Mammutprojekt aber alleine stemmen können und wollen, ist fraglich, auch wenn sich die NRW-Blätter dadurch Zugang zu einer schwer erreichbaren Zielgruppe verschaffen. Denn immer mehr Jugendliche wandern ins Internet ab. Diesem Trend könnte mit Gratis-Abos entgegengesteuert werden. Desweiteren würden die entstehenden Kosten zumindest teilweise durch eine steigende Auflage aufgefangen werden – eine höhere Auflage ermöglicht höhere Anzeigenpreise.

Die Verhandlungen zwischen der Staatskanzlei und dem nordrhein-westfälischen Zeitungsverlegerverband (ZVNRW) laufen auf Hochtouren. Am kommenden Dienstag treffen sich die Projektpartner in spé wieder. ZVNRW-Geschäftsführer Udo Becker wollte im Gespräch mit dem Tagesspiegel keine Angaben zu möglichen Kosten für die Verlage machen.

Er verwies aber auf gute Erfahrungen mit bereits durchgeführten Schulprojekten im Land: „Die Vetriebswege sind eingespielt.“ Dazu gehört die Initiative „ZeitungsZeit – Nachrichten für die Schule“, durch die in den letzten vier Schuljahren rund 92 000 Hauptschüler jeweils sechs Wochen lang mit Tageszeitungen versorgt wurden. Auch die WAZ-Gruppe hat in NRW bereits seit zwölf Jahren ein eigenes Schülerprojekt. „Zeus – Zeitung und Schule“ richtet sich an Schüler jeder Schulform. Jedes Jahr erhalten 50 000 Schüler der Jahrgangsstufen 8 bis 13 kostenlose Regionalzeitungen aus dem WAZ-Verlag.

Zugewinne an Abonnenten durch solche Maßnahmen ließen sich nicht nachweisen, Ergebnisse US-amerikanischer Studien würden aber in diese Richtung deuten, sagt Harald Heuer, stellvertretender Leiter der Journalistenschule Ruhr, der das Projekt betreut. Untersuchungen hätten vor allem die medienpädagogische Sinnhaftigkeit von „Zeus“ belegt: „Durch Tageszeitungen werden Jugendliche in ihrer Lesemotivation gestärkt. Außerdem wächst ihr Interesse an aktuellen gesellschaftspolitischen Themen.“ Wichtig sei aber, so Heuer, dass die Tageszeitungen mit tatkräftiger Unterstützung der Lehrer in den Unterricht eingebunden würden. Deshalb stelle „Zeus“ den Schulen auch umfangreiches pädagogisches Begleitmaterial bereit.

Rüttgers’ Vorstoß mit dem einjährigen kostenlosen Schüler-Abo wird von anderen Verlagen aufmerksam verfolgt. „Es wäre begrüßenswert, wenn derartige Projekte auf andere Bundesländer übertragen werden“, sagt Konstantin Neven DuMont, Vorstand der Mediengruppe M. DuMont Schauberg, zu der neben dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ auch die „Berliner Zeitung“ gehört. „Grundsätzlich begrüßen wir diesenVorschlag. Die Finanzierung spielt allerdings eine wichtige Rolle“, sagt Frank Lüdecke, Geschäftsführer des Tagesspiegel.

Ähnlich sieht das die Axel Springer AG, deren „Berliner Morgenpost“ vor zehn Jahren das Projekt „Schüler machen Zeitung“ ins Leben gerufen hat. Jedoch, so Unternehmenssprecher Christian Garrels: „Direkte finanzielle Staatshilfe für Verlage lehnen wir ab.“ Laut Jens Stiller, Sprecher in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, gebe es in Berlin sehr viele Schulen, die sich Zeitungen in größerem Umfang in die Schulen kommen lassen. Die Kosten auch für die Lieferung werden vom jeweiligen Verlag getragen. Die Frage der Finanzierung weiter gehender Projekte wie die in Nordrhein-Westfalen seien noch gar nicht geklärt. „Weder die Schulen noch die Verwaltung haben dafür Etats.“

Staatshilfe hin, private Finanzierung her – eine aktuelle Forsa-Studie, die Rüttgers in seiner Kölner Rede erstmals der Öffentlichkeit präsentierte, zeigt, dass solche Förderungen durchaus auf Gegenliebe stoßen könnten. Demnach würden rund zwei Drittel aller 18- bis 29-Jährigen in Nordrhein-Westfalen täglich eine Lokalzeitung lesen. Bundesweite Zahlen zur Zeitungsnutzung von Jugendlichen lieferte am Rande des Kölner Medienforums der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger: Demnach interessierten sich im vergangenen Jahr immerhin noch knapp die Hälfte der 14- bis 19-Jährigen für die gedruckte Tagespresse. Jetzt müssen die Zeitungen nur noch ausreichend in die Schule kommen.

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