Zeitungen : Türkis ist die Hoffnung

Die Linkspartei gewinnt Wähler, die Linkszeitung „Neues Deutschland“ verliert Leser. Im Westen kann sie beispielsweise gar nicht punkten, weil sie als zu ostalgisch angesehen wird.

Sonja Pohlmann
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Repro: Tsp

Kein einziger roter Strich ist in dieser Zeitung zu finden. Vielleicht wäre das auch einfach zu viel, eine Tageszeitung, die sich selbst als sozialistisch bezeichnet, mit Rot zu durchziehen. Schlagzeilen wie „Nokia macht in Bochum fette Beute“ anlässlich der Schließung des Handy- Werks sprechen für sich. Also durchbricht „Neues Deutschland“ (ND) sein schwarz-weißes Erscheinungsbild mit Türkis, der Farbe des Halbedelsteins. Glamourös wirkt es deshalb nicht, das würde auch weder zu seiner sozialistischen Ausrichtung noch zur Linkspartei passen, der das „ND“ zur Hälfte über die Verlagsgesellschaft Fevac gehört.

Linkspartei-Chef Lothar Bisky ist sogar Herausgeber der Zeitung. Seine Partei verbucht zurzeit Erfolge, wo immer sie antritt: In Hessen und Niedersachsen schafften die Linken gerade den Sprung in den Landtag, in Hamburg wird am 24. Februar fest mit dem Einzug in die Bürgerschaft gerechnet, kontinuierlich gewinnt die Partei neue Mitglieder – doch das „ND“ spürt von diesem Aufschwung nichts. 42 814 Exemplare pro Erscheinungstag verkaufte die Zeitung laut IVW im letzten Quartal 2007. Im Vergleich zum Quartal IV/2008 sind das knapp 2500 Exemplare weniger. Der Zeitung drohen ihre Leser wegzusterben. Durchschnittlich sind sie 65 Jahre alt. Während die Linkspartei zumindest in einigen der alten Bundesländer Fuß fasst, schafft es das „ND“ nicht, sich außerhalb der ehemaligen DDR zu etablieren. Lediglich um die 3000 Leser sollen es nach eigenen Angaben im Westen sein.

Das Problem der Zeitung: Wer links wählt, will nicht automatisch links lesen. „Das Kreuz auf einem Wahlzettel zu machen, kostet nichts. Ein Zeitungsabo dagegen schon“, sagt „ND“-Chefredakteur Jürgen Reents. Der Preis von 1 Euro 40 pro Wochen- und 1 Euro 50 für die Wochenendausgabe dürfte das kleinere Hindernis sein. Viel schwerer wiegt der Schatten, der auf der Zeitung liegt. 1946 zum ersten Mal in Berlin erschienen, entwickelte sich „ND“ zum Propagandaorgan des Zentralkomitees der SED und Sprachrohr der Mächtigen in der DDR. Schon in der ersten Ausgabe hatten die beiden Chefredakteure Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl geschrieben, das „ND“ solle dafür sorgen, dass „das Panier der Partei sauber und blank ist.“ Teilweise ging die Konzentration auf die Partei- und Staatsführung so weit, dass in einer Ausgabe 41 Fotos allein von Erich Honecker abgedruckt wurden, als er im März 1987 die Leipziger Messe eröffnete. Würde heute eine Zeitung 41 Mal Angela Merkel abbilden, wenn sie eine solche Veranstaltung besucht, würde es Proteste hageln. Die Menschen in der DDR hatten keine große Wahl bei der Zeitungslektüre: Das „ND“ war hinter der „jungen Welt“ die zweitgrößte Zeitung mit 1,1 Millionen Exemplaren. Als sich 1989 die Mauer öffnete, wollte sich das „ND“ erst gar nicht wandeln, musste sich dann jedoch der politischen und gesellschaftlichen Wende in der DDR stellen.

Verantwortlich dafür war der heutige Herausgeber Bisky. Damals noch Rektor der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam, wurde er vom PDS-Vorsitzenden Gregor Gysi beauftragt, das Medienmonopol der SED aufzulösen. „Das war eine der schwierigsten Aufgaben meines Lebens“, sagt Bisky heute. Doch ihm sei es schnell gelungen, die Zeitung von der Partei zu trennen. „Im Gegensatz zu früher greift heute keiner von den Parteioberen zum Telefon, um der Redaktion Anweisungen zu geben“, sagt Bisky. Das würde auch er nicht tun – seine Aufgaben als Vorsitzender der Linken und Herausgeber des „ND“ könne er trennen. Zwar schreibe er regelmäßig Herausgeberkolumnen, doch nicht immer würden die Themen von der Chefredaktion akzeptiert. So wie neulich, als er sich zur deutschen Medienpolitik äußern wollte. Auch Chefredakteur Reents versichert, die Zeitung völlig unbeeinflusst gestalten zu können: „Wir sind der Partei nicht rechenschaftspflichtig.“ Seit 1999 führt er das Blatt, das in Berlin am Franz-Mehring-Platz produziert wird. Reents, früher Bundestagsabgeordneter der Grünen und danach Pressesprecher der PDS-Bundestagsfraktion, ist wie einige der etwa 50 Redakteure selbst Mitglied der Linkspartei. Fast die Hälfte hat schon vor der Wende für DDR-Medien gearbeitet. Zwar will die Zeitung nicht mehr Parteiorgan sein, doch sieht sie sich selbst als „Medium innerhalb der Linken“, wie Reents sagt. Kritisch zu beobachten ist aus einer solchen Perspektive aber manchmal schwer. Nicht immer wird die Linkspartei deshalb so neutral behandelt, wie es journalistisch vielleicht angebracht wäre. Als Bisky kürzlich in seiner Funktion als Vorsitzender der Europäischen Linken zu den Plänen der Vereinigung interviewt wurde, musste er sich keiner einzigen kritischen Frage stellen.

Und trotzdem: Immer wieder kommt es vor, dass sich Leser beschweren, weil das „ND“ die Linkspartei ihrer Meinung nach zu ungerecht behandelt. Einige wünschen sich sogar mehr Berichte über die vermeintlich gute alte Zeit in der DDR. Das „Neue Deutschland“ sei für viele Leser ein Erinnerungsstück, eines der wenigen Dinge, die ihnen nach der Wende geblieben seien, sagen Experten wie Michael Haller, Journalistikprofessor an der Universität Leipzig. Die Zeitung vermittle weiterhin eine „ostalgische Grundstimmung“ – und genau deshalb habe sie es auch so schwer, neue Leser aus dem Westen zu gewinnen. Jüngere Leute, die sich politisch links verankert sähen, würden eher zur „tageszeitung“ oder zur „Frankfurter Rundschau“ greifen. Vor allem, weil das „ND“ oft nicht mit dem Niveau anderer überregionaler Zeitungen mithalten könne.

Bundeskanzler Gerhard Schröder gab der Zeitung ebenso wenig ein Interview wie Bundeskanzlerin Angela Merkel. Und selbst Klaus Wowereit, der in Berlin eine rot-rote Regierung führt, hat bisher nicht offiziell mit dem „ND“ gesprochen.

„Wir müssen deshalb einen Weg finden, interessant zu werden, ohne mit einem Merkel-Interview auf der ersten Seite zu erscheinen“, sagt Bisky. Gleichzeitig müssten aber Erfahrungen ostalgisch gestimmter Leser berücksichtigt werden. „Das ist die Kunst“, meint Bisky. „Wir müssen eine unverzichtbare Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bieten, ohne dabei in Schwarz-Weiß- Schemata zu verfallen.“ Der Herausgeber will ebenso wenig wie Chefredakteur Reents daran glauben, dass das „ND“ in einigen Jahren mit seinen Lesern sterben wird. Der Aufschwung der Linkspartei im Westen wird sich langfristig positiv auf das „ND“ auswirken, glauben sie. „Die größere Aufmerksamkeit für die Linkspartei ist unsere Chance“, sagt Reents. Jetzt darf ihm die Partei mit schlechten Schlagzeilen nur keinen Strich durch die Rechnung machen.

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