Zeitungsgeschäft : Die Spur der Scheine

Jakob Augstein kauft die Ost-West-Wochenzeitung „Freitag“.

Markus Ehrenberg,Christian Meier

Gerüchte über einen Verkauf und damit Erhalt der Ost-West-Wochenzeitung gab es schon seit längerem, so dass die Nachricht am Montag zwar nicht wie eine Bombe einschlug, aber zumindest von den Lesern mit großer Erleichterung aufgenommen wurde: Jakob Augstein kauft den „Freitag“. Dies teilte der Herausgeber und Mitgesellschafter Wilhelm Brüggen in Berlin mit. Jakob Augstein, Journalist und Sohn des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein, übernimmt das Blatt, das sich im Untertitel „Ost-West-Wochenzeitung“ nennt, zum 1. Juni.

Im schwierigen Markt der Wochenzeitungen genießt der „Freitag“ den Ruf eines recht eigenständigen und „grantigen“ (Brüggen) Blattes. Die andere Seite der Medaille: Zurzeit verkauft das Blatt nur etwa 12 000 Exemplare. Auf Anfrage sagte Augstein, 40, der als Verleger der Zeitung firmieren wird: „Der ,Freitag‘ ist eine großartige Zeitung, die wir stärken und weiterentwickeln wollen.“ Er wolle zunächst mit der Redaktion und den Herausgebern über seine Pläne sprechen. Brüggen zufolge solle dies bereits am Mittwoch geschehen. Geschäftsführer des Verlags wird Detlev Hustedt, 44. Er war Ende der 90er Jahre stellvertretender Anzeigenleiter der „Welt“-Gruppe, anschließend Gesamtanzeigenleiter der „Woche“ und Geschäftsführer der Nachrichtenagentur Pressetext Deutschland. 2002 machte sich Hustedt mit einer Beratungsfirma selbstständig. Zum Kaufpreis machte Augstein keine Angaben. Eine Anfang April kolportierte Summe von 650 000 Euro bezeichnete er als „definitiv falsch“.

Zur bisherigen Eigentümergruppe des „Freitag“ gehören Wilhelm Brüggen (Arzt), Holger Schmale (Journalist), Wolfgang Storz (Journalist), Ursel Sieber (Journalistin) und Frieder Otto Wolf (Sozialwissenschaftler). Die Gruppe hatte den „Freitag“ vor 13 Jahren übernommen, als das damals hochdefizitäre Blatt nach mehreren Hilfsappellen und Spendenkampagnen endgültig eingestellt werden sollte. Laut eigenen Angaben soll die Zeitung heute operativ profitabel wirtschaften. Wilhelm Brüggen, der Sprecher der Eigentümer, sagte, beim „Freitag“ handele es sich „um das inzwischen wohl einzige Medienprodukt, das ohne Werbeeinnahmen auskommt und trotzdem keine roten Zahlen schreibt“. Er begründete den Verkauf mit persönlichen Entscheidungen von mehreren Mitgliedern der Eigentümer-Gruppe. Nach jahrelangem ehrenamtlichem Engagement und einigen finanziellen Anstrengungen wolle man jetzt für frischen Wind sorgen. Der Einstieg von Jakob Augstein sei eine „besondere Chance“ für den „Freitag“.

Ob und wie Augstein das Blatt verändern will, ist noch nicht bekannt. Im Gespräch seien Ergänzungen zum bisherigen Profil, zum Beispiel im Internet. Eine Revolution steht beim „Freitag“ aber offenbar nicht bevor. In einer Pressemitteilung heißt es: „Den bisherigen Besitzern ist wichtig, dass Identität und politisches Profil des ,Freitag‘ gewahrt bleiben. Jakob Augstein hat dies zugesagt und möchte mit der bestehenden Redaktion weiterarbeiten.“ Im Kaufvertrag sei festgelegt worden, dass alle 13 Mitarbeiter übernommen werden. „Außerdem haben wir mit Herrn Augstein verabredet“, so Brüggen, „dass er allen Herausgebern eine Fortführung ihrer Tätigkeit anbietet.“ Zurzeit besteht der Herausgeberkreis aus Daniela Dahn, György Dalos, Frithjof Schmidt und Friedrich Schorlemmer. Zu den Gründungsherausgebern zählte der legendäre Journalist und Politiker Günter Gaus.

Der „Freitag“ entstand nach der Wende aus einer Fusion zwischen der in der Bundesrepublik erscheinenden „Volkszeitung“ und der DDR-Kulturzeitung „Sonntag“. Diese doppelte Schwerpunktsetzung, Politik- und Kulturzeitung zu sein, wurde zum Markenzeichen des „Freitag“. „Die Zeitung steht den Idealen der ökologischen und politischen Linken nahe, ist jedoch publizistisch strikt unabhängig“, beschreibt das Blatt sich selbst, „der ,Freitag‘ ist heute die einzige wirkliche Ost-West-Zeitung.“ Alle anderen Versuche, ost- und westdeutsche Traditionen gleichberechtigt in einem Medienprodukt zu vereinen, seien gescheitert.

Dieses Schicksal hätte trotz stabilisierter Auflage über kurz oder lang wohl auch dem „Freitag“ gedroht – ohne Verkauf. Anfang April war durchgesickert, dass die Gesellschafter Verhandlungen mit Augstein führen. Damals hieß es von anonymer Seite, Augstein wolle von der Zeitung nur den Namen beibehalten und diese ansonsten radikal verändern. Dieser Plan ist zunächst abgewendet.

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