Zeitungskrieg : Kampf um Big Apple

Rupert Murdochs „Wall Street Journal“ beendet die friedliche Koexistenz mit der „New York Times“. Um Gewinne geht es dem Medienmogul dabei weniger.

Sebastian Moll[New York]
In direkter Lokalkonkurrenz: Die „Times“ und das „Journal“. Foto: AFP
In direkter Lokalkonkurrenz: Die „Times“ und das „Journal“. Foto: AFPFoto: AFP

Viele Jahrzehnte lang koexistierten die beiden großen New Yorker Tageszeitungen, das „Wall Street Journal“ und die „New York Times“ friedlich. Der New Yorker kaufte sich seine „Times“ für die Politik-, die Kultur-, Sport- und die Lokalberichterstattung. Das „Journal“ war die klassische Zweitzeitung für den Finanzinteressierten. Solange jedenfalls, bis Rupert Murdoch vor gut zwei Jahren das „Wall Street Journal“ übernahm.

Der australische Multimedien-Mogul hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich das „Wall Street Journal“ mit dem einzigen Ziel unter den Nagel gerissen hat, die „Times“ unter Druck zu setzen. Murdoch hält die „Times“ für einen in Arroganz erstarrten journalistischen Dinosaurier. Er will der „Grey Lady“ einen ernsthaften Denkzettel verpassen und das „Journal“ als die New Yorker Zeitung Nummer eins etablieren. Zu diesem Zweck weitete der 79-Jährige die Berichterstattung des „Journal“ zuerst auf Politik, Sport und Kultur aus. Seit vergangener Woche bekommen die „Journal“-Abonnenten zusätzlich einen 16-seitigen Lokalteil.

Der Start des aufwendigen Zusatzangebotes, für das Murdoch 35 Reporter angeheuert hat, ist nach einhelliger Expertenmeinung verlegerisch im besten Fall waghalsig. In den gesamten USA geht der Lokaljournalismus zurück, die regionalen Anzeigenmärkte sind im Zuge von Wirtschafts- und Medienkrise in die Knie gegangen. Auch die „Times“ hat ihr Lokalangebot zurückschrauben müssen.

Murdochs Ziel ist es demnach einzig, der „Times“ zu schaden. Er führe einen „Ahab-haften Kreuzzug“ gegen das Zeitungsestablishment schrieb das „New York Magazine“, nur das Ziel vor Augen, sich selbst ein Denkmal zu setzen. Geld spielt für Murdoch offensichtlich keine Rolle. Schon beim Kauf des „Journal“ verlor er drei Milliarden Dollar. Die Verluste bei seinen Zeitungen kompensiert er leicht mit Gewinnen etwa seines Fernsehsenders Fox oder des Blockbuster-Films „Avatar“. Murdochs Imperium wird auf 42 Milliarden Dollar geschätzt. Die 30 Millionen, die er in die Lokalausgabe des „Journal“ pumpt, sind für ihn Kleingeld.

Die Anzeigenpreise für das neue Printprodukt sind Gerüchten zufolge dementsprechend auch weit unter Par. Murdoch braucht die Profite nicht. Bei der „Times“, die mit 1,7 Milliarden insgesamt weniger wert ist, als alleine „Avatar“ eingespielt hat, ist man über solche Praktiken nicht sehr erfreut. „Man muss sich wohl darüber freuen, dass es noch jemanden gibt, der ernsthaft in Print-Journalismus investiert“, kommentierte „Times“-Medienkolumnist David Carr hämisch. Die Unterstellung von Carr ist, dass Murdochs blinde Investition in ein Print-Produkt ein ans Naive grenzender Glaube in die Zukunft der Druckerzeugnisse zugrunde liegt. Dabei verkennt Murdoch, dass die Zeiten großen Print-Journalismus vorbei sind und dass sein Sieg im New Yorker Zeitungskrieg ein Pyrrhussieg wäre. Er wäre dann König eines Reiches, dessen Untergang er gerade selbst besiegelt hat.

Der Redakteur des renommierten Branchenjournals „Columbia Journalism Review“, Den Starkman, glaubte, dass es dem Journal nicht leicht fallen würde, der „Times“ ihre loyalen Leser und Anzeigenkunden abspenstig zu machen. Einige traditionelle Anzeigenkunden der „Times“, wie das Bekleidungshaus Bergdorf Goodman waren hingegen bereit, die neuen Seiten zumindest einmal auszuprobieren. Bei den mutmaßlichen Discountpreisen des „Journal“ sicherlich kein Wunder. Insofern hat Murdoch die „Times“ schon geärgert. Anmerken ließ man sich das bei der „Times“ nicht. Stattdessen nahm man die Konkurrenz auf die Schippe. „Times“-Verleger Arthur Sulzberger gab dem neuen Lokalteil des „Journal“ ein paar Grundinformationen über die Stadt mit auf den Weg: Dass die Abkürzung SoHo für das Viertel South of Houston Street steht und dass das Musical „Cats“ nicht mehr am Broadway spielt. Sulzberger wollte der Welt demonstrieren, dass er die Konkurrenz nicht ernst nimmt. Am meisten musste er sich davon aber wohl selbst überzeugen. Sebastian Moll, New York

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