Medien : Zeitungsmarkt: Am siebten Tage sollst Du lesen

Ulrike Simon

Der Sonntag, das war einmal der Tag, an dem die Leute (im "Sonntagsstaat") in die Kirche gingen und sich zum gemeinsamen Bratenessen im Kreis der trauten Familie trafen. Nur die Landwirte, deren Kühe auch am siebten Tag gemolken werden wollten, hatten nicht das Privileg, sich auf die faule Haut zu legen. Und Journalisten sowieso nicht. Schließlich wollen alle am Montag Morgen wieder Zeitung lesen. Dafür hatten die meisten Journalisten am Sonnabend frei. Außer, sie arbeiteten für "Bild am Sonntag" oder "Welt am Sonntag". Als Ausgleich für den Sonnabend haben die von jeher montags frei. Schlimmer trifft es jene, die für Blätter wie den Tagesspiegel schreiben. Dort gilt die Sieben-Tage-Woche - die Werktags- und Sonntagsausgaben werden von derselben Mannschaft gestemmt. Mal abgesehen von diesen Ausnahmen war der Sonntagsmarkt aber den Springer-Zeitungen vorbehalten. Der Grund liegt in der Vertriebslogistik. Springer ist der einzige Verlag mit einem eigenen, bundesweiten Sonntags-Vertriebssystem.

Das Quasi-Monopol bröckelt

Doch auch Springer freut sich mehr als dass es den Verlag ärgert, wenn ein Abonnent aus Hintertupfingen kündigt, denn dann muss einer weniger per Haustürlieferung bedient werden - das kann teurer kommen als ein Abo Einnahmen bringt. Doch das Quasi-Monopol bröckelt. Nicht nur, weil einige Regionalzeitungen ihren Sonntagsauftritt überarbeiten, nicht nur, weil der Sonntag zum "Spiegel"-Tag werden könnte, sondern auch, weil die "FAZ" ihre seit jeher defizitäre "Rhein-Main-Zeitung" aufgehen lässt in der neuen "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Voraussichtlich ab 30. September soll sie bundesweit in den Ballungsräumen zu kaufen sein.

Im vermeintlich ureigenen Revier, dem Sonntagsmarkt, fühlt sich seit dieser Ankündigung Springer und dort insbesondere die "Welt am Sonntag" angegriffen. Die sitzt seit gestern nicht mehr in Hamburg, sondern in der Berliner Kochstraße, also mit noch weniger Distanz zur Politik als bisher, und teilt sich mit ihrer Schwesterzeitung "Welt" die Räumlichkeiten im Springer-Hochhaus. Die "WamS", der eine Portion Konkurrenz sicherlich gut tut, muss die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" schon deshalb als Kontrahentin ernst nehmen, weil beide eine konservative Leserschaft bedienen. Was für eine Stimmung zwischen den beiden herrscht, konnte man an den beiden letzten Sonntagen sehen. Zunächst war in der "WamS" nachzulesen, wie schlecht es angeblich um die "FAZ" steht. Die Rede war von Einstellungsstopp, um 75 Millionen Mark geschrumpfte Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft (allein im ersten Halbjahr), von geringen Rücklagen, veräußertem Tafelsilber und einem Jahresgewinn unter Null. Sonntags drauf folgte die Antwort der "FAZ": Die "WamS" musste eine Gegendarstellung drucken. Auf Anfrage sagte Geschäftsführer Jochen Becker dem Tagesspiegel: "Es gibt keinen Einstellungsstopp, wir sind auch nicht knapp bei Kasse. Das einzige, was bei uns knapp ist, ist der Raum, um die neuen Mitarbeiter unterzubringen". Natürlich leide die "FAZ" wie die gesamte Branche unter dem miserablen Anzeigengeschäft. Die genannten 75 Millionen Mark seien jedoch "vollkommen aus der Luft gegriffen, geradezu absurd hoch". Tatsächlich würden die Geschäftszahlen auf das Jahr gerechnet ähnlich hoch sein wie 1999. Da das goldene Anzeigenjahr 2000 außergewöhnlich gut war, ziehe die "FAZ" generell nur den Vergleich zum Jahr 1999. Damals betrug der Jahresüberschuss bei 1,05 Milliarden Umsatz 54,5 Millionen Mark (2000 waren es 64,8 Millionen, wobei die Anzeigeneinnahmen rund 80 Prozent der Gesamterlöse ausmachten). Für 2001 prognostiziert Becker, dass die "FAZ" rund "40 bis 50 Millionen Mark Gewinn einfahren wird". Was die Rücklagen angeht, hätten sie sich von 1997 bis 2000 um 60 Prozent von 289,5 auf 464,5 Millionen Mark erhöht, das Wertpapiervermögen stieg im selben Zeitraum um 80 Prozent auf 215 Millionen Mark. Der Verlag behält sich gegen die "WamS" vor, zusätzlich wegen Rufschädigung zu klagen.

Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" wird jedenfalls kommen. Um das zu demonstrieren, wird die "FAZ" in diesen Tagen eine Meldung in eigener Sache abdrucken. Das vierfarbige, mit großen Fotos gestaltete Blatt wird im Titelkopf in üblicher Frakturschrift "Frankfurter Allgemeine" und in einem moderneren Schriftzug "Sonntagszeitung" stehen haben. Eingeteilt ist die Zeitung in die Bücher Politik, Sport, Kultur, Wirtschaft (zwei Bücher), Lifestyle/Lebensart (ein passender Name wird noch gesucht), Wissenschaft/Gesundheit, Immobilien, Reise - für München, Berlin und das Rhein-Main-Gebiet gibt es zudem Regionalteile. Wobei einige beliebte Rubriken und Elemente der bisherigen "Berliner Seiten" ins Hauptprodukt rutschen, verrät Herausgeber Frank Schirrmacher. Auch eine Kirchenseite und Elemente für Kinder wird es geben. Das Blatt wird als "Familienzeitung" verstanden, als "Einstiegsdroge" für jüngere Leser, die später zur "FAZ" greifen sollen. Doch auch wenn das Sonntagsblatt eine "weiblichere Note" bekommen soll: Die Frauenseite konnte Schirrmacher nicht durchsetzen - er scheiterte nicht zuletzt an den Frauen in der Redaktion.

In etwa zehn Tagen soll eine Nullnummer fertig sein, die einen Eindruck von der Seite 1 und den einzelnen Aufschlagseiten vermittelt und mit der künftige Anzeigenkunden umgarnt werden sollen. Zudem wird die Redaktion eine komplette Nullnummer produzieren. Bis dahin werden die neuen Mitarbeiter, so wie derzeit Ex-"Welt"-Redakteur Wulf Schmiese, auf "FAZ" getrimmt. Schließlich denkt man bei der "FAZ" nicht nur anders, man diskutiert auch anders, arbeitet weniger hierarchisch als zum Beispiel bei der "Welt". Neue Mitarbeiter durchlaufen daher erst einmal eine "Integrationsphase" im Stammhaus, bevor sie zur Sonntagszeitung nach Berlin entlassen werden.

Bei der "FAZ" gibt man sich startbereit, selbst der Werbeslogan der Agentur KNSK soll feststehen. (Da sich "FAZ"-Geschäftsführer Becker mit Scholz & Friends-Chef Sebastian Turner nicht verstand und der zweite Scholz & Friends-Chef Thomas Heilmann fast im Aufsichtsrat von Erzrivale Springer gesessen hätte, wurde die Kluge-Köpfe-Agentur gekündigt.) Nur auf den Seitenumfang (Schirrmacher: "nicht unter 64 Seiten") und den Preis (knapp unterhalb der "WamS", also 3 Mark 90 oder 4 Mark) will sich die "FAZ" nicht festlegen lassen. Wie auch immer: Angepeilt ist, mit 250 000 Auflage 2006 den Break-Even zu erreichen.

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