Medien : Zeitungsmarkt Berlin

Chronik: Von der Wende bis heute

Ulrike Simon

Nach dem Mauerfall begann in Berlin einerseits ein Verteilungskampf um die bis dahin unter SED-Herrschaft geführten Zeitungen. Andererseits glaubte die Branche damals auch, die Leserbedürfnisse in Ost und West würden sich sehr schnell angleichen, so dass die angestammten West-Zeitungen Ost-Berlin als riesiges Potenzial begriffen, um Auflagen zu steigern. Das war ein weit verbreiteter Irrtum, wie sich bald herausstellen sollte.

Die Einstellungswelle. Abgesehen von der Boulevardzeitung „Super“ (Rupert Murdoch/Burda), der einzigen Neugründung nach der Wende, verschwanden eine ganze Reihe weiterer Blätter damals nach und nach vom Markt: 1991 traf es das Gewerkschaftsblatt „Tribüne“ sowie die von Springer übernommenen Blätter „Der Morgen“ (einst Organ der Liberal-Demokratischen Partei und 1990 fusioniert mit der „Berliner Allgemeinen“) und das „Deutsche Sportecho“. Weiterhin traf es den „Berliner Kurier am Abend“ (Gruner + Jahr), 1992 das „Spandauer Volksblatt“ (Springer), 1994 die „Neue Zeit“ („FAZ“) und 1996 die „Wochenpost“ (erst Gruner + Jahr, dann Dietrich von Boetticher, zuletzt Jahreszeiten-Verlag).

Der Zeitungskampf. Aller Bemühungen zum Trotz mussten die Verlage einsehen, dass die Wiedervereinigung auf dem Berliner Zeitungsmarkt nicht stattgefunden hat. Bis heute nicht. Dennoch steckten die Verlage viel Geld in die Zeitungen. Vor allem „Berliner Morgenpost“ und „Berliner Zeitung“ lieferten sich einen harten Konkurrenzkampf und versuchten durch Investitionen in neue Konzepte, Preiskämpfe bei Kleinanzeigen und andere Marketingmaßnahmen, in diesem chaotischsten und am dichtesten besetzten Zeitungsmarkt Europas die Stellung auszubauen. Doch Berlin ist nicht nur die Hauptstadt, sie ist auch eine sehr arme Metropole.

1991 kauften Gruner + Jahr und der britische Verleger Robert Maxwell von der Treuhand den Berliner Verlag mit der „Berliner Zeitung“, der „B.Z. am Abend“ (1990 umbenannt in „Berliner Kurier am Abend“ und dann eingestellt), dem neuen „Berliner Kurier am Morgen“ (eingeführt im April 1991, später umbenannt in „Berliner Kurier“ ) und der „Wochenpost“.

Sieben-Tage-Woche. Ende 1991 führten Tagesspiegel und „Morgenpost“ jeweils eine (in West-Berlin bis dahin traditionell fehlende) Montagsausgabe ein, um mit der „Berliner Zeitung“ gleichzuziehen (die umgekehrt bis heute keine Sonntagsausgabe hat).

Der „Washington Post“-Irrtum . 1992, nach Robert Maxwells Tod, übernahm Gruner + Jahr den Berliner Verlag zu hundert Prozent. Erich Boehme, Herausgeber der „Berliner Zeitung“, sagte den Satz, an dem sich die Zeitung zu Boehmes eigenem Bedauern fortan messen lassen musste: Die „Berliner Zeitung“ solle die „deutsche Washington Post“ werden. Mit teuer eingekauften Redakteuren legte Gruner + Jahr im September 1997 eine inhaltlich und optisch völlig überarbeitete „Berliner Zeitung“ vor. Dennoch sank die Auflage weiter, Auflagensprünge brachen schnell zusammen.

Im Mai 1992 organisierte sich die „taz“, die ihre Ostausgabe nach nur kurzer Zeit wieder eingestellt hatte, genossenschaftlich.

Im Oktober 1992 stieg die Stuttgarter Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck bei dem wegen hoher Investitionen in die Technik und der Übernahme der „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ finanziell in Engpässe geratenen Tagesspiegel ein, erwarb von den Alteigentümerfamilien F.K. Maier und Dannenberger, mit zunächst 51 Prozent die Mehrheitsbeteiligung. Holtzbrinck erhöhte die Anteile in den Folgejahren auf 74,8 Prozent und Anfang dieses Jahres auf knapp 100 Prozent.

Der Berlin-Umzug . 1993 zog die „Welt“ von Bonn nach Berlin. 1998, ein Jahr vor dem Regierungsumzug, kündigte sie an, mit neuem inhaltlichen und optischen Konzept die Stimme der Berliner Republik werden zu wollen.

2001 zog die „Welt am Sonntag“ nach Berlin. Einzelne Ressorts von „Welt“ und „Welt am Sonntag“ wurden zusammengelegt.

Die „Welt“-„Morgenpost“-Fusion . 2002 fusionierte Springer die Redaktionen von „Welt“ und „Berliner Morgenpost“. Im Juli 2002 kaufte Holtzbrinck von Gruner + Jahr den Berliner Verlag. „Berliner Zeitung“ und Tagesspiegel sollen redaktionell getrennt bleiben, Vertrieb, Anzeigen und Verwaltung sollen jedoch zusammenarbeiten.

Der Rückzug der Überregionalen. Keines der überregionalen Blätter („SZ“, „FAZ“, „Welt“) schaffte es, eine relevante Stellung in Berlin zu bekommen. Weder half es, nach Berlin umzuziehen, hier Teile der Auflage zu drucken oder Berlin-Seiten zu produzieren.

2003 erscheinen in Berlin folgende Zeitungen: „Berliner Morgenpost“/„Berliner Morgenpost am Sonntag“ /„Welt“/„Welt am Sonntag“, „B.Z.“/„B.Z. am Sonntag“, „Bild Berlin-Brandenburg“; „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ (zuletzt Gruner + Jahr), Tagesspiegel/Tagesspiegel am Sonntag (Verlagsgruppe Holtzbrinck); „Neues Deutschland“ (PDS), „taz“, „Junge Welt“ und „Jungle World“.

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