Medien : Zentralorgan für Ostrock

Das DDR-Magazin „Melodie & Rhythmus“ ist zurück

Simone Schmollack

Weil sie seit den 80er Jahren immer einen Westkünstler mit Foto dabei hatte, war die „Melodie und Rhythmus“ in der DDR immer vergriffen. Im November 1957 in Ostberlin gegründet, sollte auch die Musikzeitschrift sozialistisches Leben widerspiegeln. Und so wurde die erste gedruckte Ausgabe, immerhin 20 000 Exemplare, wieder eingestampft, weil eine „westliche Künstlerin“ im Blatt auftauchte. Aber wie so manches in der DDR durchschritt auch die „Melodie & Rhythmus“ einen subtil-subversiven Wandel und wurde so etwas wie das Zentralorgan des Ostrocks. Vom Dresdner Schlagerfestival sowie von Blues-, Soul- und Rockfesten war ebenso zu lesen wie von nationalen und internationalen Stars. 1989 betrug die Auflagenhöhe 270 000 Exemplare – einzig durch den Papiermangel limitiert.

Nach der Wende konnte sich das Heft durch die Schwemme westdeutscher Musikmagazine nicht mehr halten und wurde im Februar 1991 eingestellt. Nun gibt es „Melodie & Rhythmus“ wieder. Doch einzig der Titel erinnert noch an das dünne Heftchen in schlechter Druckqualität, aus dessen Mitte man ein A 5-Poster heraustrennen konnte. Heute ist das Blatt, das zunächst dreimonatlich erscheint und ab 2005 alle zwei Monate, 116 Seiten stark und enthält Interviews und Porträts über Lenny Kravitz, Alanis Morissette und Björk. Aber die Macher, der Musikjournalist Christian Hentschel und der Sänger Tino Eisbrenner, setzen nach wie vor auf den Osten, ohne ostalgisch sein zu wollen. So haben sie beispielsweise die ungarische Popikone Zsuzsa Koncz ausgegraben und an den Blueser Jürgen Kerth gedacht; sie wussten auch, dass die legendäre Stern Combo Meißen 40 geworden ist und orteten die Brache Neubrandenburg als ein neues Pop-Mekka.

Mit der Mischung aus „Ost-Mugge“, die in anderen Musikmagazinen totgeschwiegen wird, und den allseits bekannten internationalen Stars rechnen sich die Herausgeber eine Überlebenschance aus. „Leute wie Dirk Zöllner, André Herzberg oder Dirk Michaelis verkaufen Zehntausende Platten und haben ihre Fans nicht nur im Osten, kommen aber in den Westmedien nicht vor“, sagt Hentschel, der zudem Buchautor („Popstar in 100 Tagen“) und Musikmanager ist. Und das ist wohl das Pfand von „Melodie & Rhythmus“: Die Zeitschrift schließt eine Lücke. Hentschel und Eisbrenner kennen die Szene und ihr Publikum genau und wissen auch, was ihr Heft niemals aufnehmen wird. Puhdys und Karat zählen vermutlich dazu.

Von der ersten Nummer wurden 15 000 Exemplare gedruckt. Ein Heft am Kiosk kostet 3,90 Euro und ist ebenso im Abonnement zu bekommen. Nachdem die ersten Ankündigungen der Neuauflage des Blattes durch den Osten geisterten, meldeten sich aufgeregt die ersten Fans. Einige, hört man, würden sogar das Doppelte und mehr für ihr einstiges Fachblatt für Tanz- und Unterhaltungsmusik hinlegen. Und sie bekommen nun ganz unkompliziert ein Abo ihrer Printlegende, auf das sie früher vergeblich gehofft hatten.

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