Medien : Zerfließender Sinn

Filmessay in 3sat scheitert an der Frage: Was ist schön?

Nicola Kuhn

Schönheit kann verwirrend sein. Nicht nur für die Sinne, nein, vor allem für den Geist. Denn was ist Schönheit? Ein Zustand, ein Ereignis, eine Sehnsucht? Die Filmemacherin Nico Weber versucht dieser komplexen Frage auf den Grund zu gehen und stiftet – was vorauszusehen war – am Ende vor allem Verwirrung. „Im Rausch der Schönheit“ hat sie ihren Filmessay überschrieben und lässt es mächtig blubbern bei den Bildern vom Unterwasserballett, die zwischendurch immer wieder eingeblendet werden. „Nur im Rausch ist der Mensch ganz bei sich“, zitiert sie eingangs Nietzsche und setzt von dort aus zu einem Höhenflug an, auf dem ihr nur schwerlich zu folgen ist. Das ist offensichtlich auch nicht zwingend vonnöten. Der Sprecher aus dem Off tupft Denksätze wie ein impressionistischer Maler die Farben mit dem Pinsel. „Schönheit ist nicht statisch, sondern eher verfließend“, heißt es da etwa. Das passt wiederum prima zu den Wasserbildern.

Ein wenig tut Christina von Braun einem Leid, dass sie nach all den planschenden Grazien nun als erste leibhaftige Person ins Bild gerückt wird und das im ausgelassenen Bassin eines pittoresk abblätternden Jugendstil-Schwimmbades. Die Berliner Literaturwissenschaftlerin macht trotzdem eine gute Figur und spricht tapfer vom Überraschungseffekt der Schönheit als Phänomen der Moderne. Weitere Stichwortgeber sind unter anderen der Komponist Heiner Goebbels und der schwedische Fotograf Lennart Linsson. Sie umkreisen das Phänomen der Schönheit. Goebbels versucht es hörbar zu machen und weiß doch um die Unmöglichkeit. Denn Schönheit trägt stets das kontrastierende Element in sich, die Unwahrscheinlichkeit. Fast naiv erscheint dagegen der Standpunkt des 82-jährigen Linsson, der mit seinem Elektronenraster-Mikroskop die Schönheit und damit den „Wert“ des Lebens fotografiert: Der Moment der Menschwerdung, die Verschmelzung von Eizelle und Sperma, wird bei ihm zum besseren Sonnenuntergang, ein Krebsgeschwür gewinnt die Ästhetik eines Bergpanoramas.

Wahrscheinlich würden die meisten Menschen zu stottern beginnen, befragte man sie nach ihrem Begriff von Schönheit. Die vier Protagonisten in Nico Webers Filmessay haben jeder aus seinem Wirkungsbereich eine andere Antwort parat. Was bleibt, „ist eine nicht endende Verwunderung über die Wahrnehmung der Welt“, tröstet am Schluss die Stimme aus dem Off. Und: „Je weniger wir erkennen, desto mehr müssen wir hinschauen.“ Das lässt sich zu jedem schwer erklärbaren Phänomen konstatieren. Hier wird es mit einem Bildersalat serviert. Wer darüber nicht müde geworden ist, die Schönheit kulturhistorisch, künstlerisch, philosophisch zu ergründen, dem gibt das Berliner Haus der Kulturen der Welt mit einer Ausstellung und Veranstaltungsreihe (www.hkw.de) weitere Denkanstöße. Der Programmschwerpunkt „Über Schönheit“ bei 3sat nimmt hier seinen Ausgang. Verbindliche Aussagen lassen sich dabei zwar auch nicht finden, aber es rauscht deutlich weniger.

„Im Rausch der Schönheit“: 3sat, 19 Uhr 20

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