Medien : Zersetzung der Seele

Arte-Film über die Verhörmethoden der Stasi

Merlind Theile

Als Hartmut Richter in den Betonbau eingeliefert wurde, musste er nicht nur seine Kleidung abgeben. Hartmut Richter verlor auch seinen Namen. „Sie sind jetzt die Nummer 48“, teilte ihm ein Aufseher mit. „Merken Sie sich das!“ Nummer 48 merkte sich alles. Die Isolation, die Demütigungen, die seelische Folter. Ein Jahr lang saß Richter im „Verwahrraum“ 127 – einer kargen Zelle des Stasi-Gefängnisses in Berlin-Hohenschönhausen.

Das Gebäude, das in keinem Ostberliner Stadtplan verzeichnet war, ist das Symbol des repressiven Systems der ehemaligen DDR: Ein Ort, an dem die „operative Zersetzung“ mutmaßlicher Regimegegner durchgeführt wurde. Im Dokumentarfilm „Zersetzung der Seele“ von Nina Toussaint und Massimo Iannetta kehren zwei Opfer dorthin zurück: Hartmut Richter, der in den 70er Jahren im Kofferraum Menschen aus der DDR schmuggelte, und Sigrid Paul, die drei Studenten beherbergt hatte, die später bei einem Fluchtversuch gefasst wurden.

„Man musste ständig damit rechnen, zum Verhör abgeholt zu werden“, erinnert sich Paul. „Ich hatte dauernd Angst, aber auch Hoffnung, dass mal irgendetwas passiert.“ Für die Kamera hat sie auf einem Schemel in der Zelle Platz genommen, wie damals in den 60er Jahren. Jeden Tag musste sie da sitzen, die Hände auf dem Tisch. Kein Buch, kein Gespräch, keine Beschäftigung, 18 Monate lang. „Irgendwann fand ich einen Faden, mit dem ich Muster legte“, sagt Paul. Die Aufsicht bestrafte sie mit drei Tagen Matratzenentzug.

Der Film bleibt nah an den beiden Protagonisten und schildert dadurch den psychischen Terror auf sehr eindringliche Art. Durch die Erinnerungen der Opfer werden die Mechanismen von Belohnung und Bestrafung, Drohung und Erpressung greifbar, und auch die ständigen Bemühungen der Stasi, die Inhaftierten zur „Kooperation“ zu bewegen. Richter und Paul blieben standhaft. „Immer, wenn ich merkte, dass man mich anwerben will, habe ich diese imaginäre Mauer um mich gebaut“, sagt Paul, „da kam nichts mehr durch.“ So plötzlich, wie sie inhaftiert worden war, wurde sie „ausgesetzt“ – ohne Papiere, ohne Zeugen. Hartmut Richter wurde von der Bundesrepublik freigekauft. Geblieben sind „das Misstrauen, die Bindungsangst – das kriegt man nicht mehr weg.“

„Zersetzung der Seele“: 22 Uhr 15, Arte

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