Medien : Zimmer frei?

Das Privatfernsehen entdeckt die Generation „65+“. RTL 2 macht den Anfang

Wilfried Urbe

„Sie sind alt und sie würden bei einem Casting für eine neue Doku-Soap glatt durchfallen. In der neuen RTL 2-Sendung ‚Suche Familie!’ stehen zum ersten Mal Menschen im Mittelpunkt, die alles andere als jugendlich sind.“ So kündigt der Münchener Sender ein Format an, das man bei einem Privatsender wohl kaum erwartet hätte: Ältere Menschen bewerben sich als Großeltern bei Familien. Auswahl und Miteinander werden von der Kamera dokumentiert. „Wir wollen damit auch ältere Zuschauen ansprechen“, heißt es bei RTL 2. Und das ist neu, standen doch bisher stets die 14- bis 49-jährigen Zuschauer an erster Stelle.

„Die Werbung ist vor einigen Jahren dazu übergegangen, älteren Menschen ein aktives und dynamisches Image zu geben. Und diese Entwicklung greift RTL 2 als erster TV-Sender in Deutschland mit der Doku-Soap ‚Suche Familie!’ auf“, begründet RTL 2-Sprecherin Joyce Mariel den Schritt. Die Sendung sei für die ganze Familie konzipiert: „Wir zeigen den Alltag junger Familien mit Kindern, die sich eine ältere, erfahrene Bezugsperson wünschen. Genauso gehen wir auf die Lebensumstände unserer älteren Protagonisten ein.“

Dass die „Medioren“, „Silver Surfer“, „Best Ager“ und wie sie noch genannt werden für die Werbewirtschaft zwangsläufig immer wichtiger werden, liegt an der demografischen Entwicklung: 2050 hat Deutschland schätzungsweise 75 Millionen Einwohner. Das Statistische Bundesamt hat errechnet, dass ein Drittel der deutschen Bevölkerung 60 Jahre und älter sein wird. 12 Prozent werden sogar 80 und mehr Jahre alt sein. Heute gehört etwa ein Fünftel der deutschen Bevölkerung zur Generation „65+“.

Eine Studie des ProSiebenSat 1-Vermarkters Sevenone Media kommt zu folgenden Ergebnissen: „Die Babyboomer der 60er Jahre werden ihre derzeitigen Konsumgewohnheiten als Senioren in 20 Jahren nicht verändern, sondern beibehalten. Das unterscheidet sie von allen bisherigen Generationen.“ Die Babyboomer seien auch im Rentenalter noch mobil. Sie setzten auf Genuss und blieben neuen Dingen gegenüber aufgeschlossen: „Die Vorstellung vom passiven, zurückgezogenen Rentner wird spätestens dann der Vergangenheit angehören.“ Neben verstärkten Investitionen in die Vorsorge würden Genuss und Bildung in den Fokus der älteren Bevölkerung rücken. Ein Indiz dafür sei die Entwicklung der Reiseaktivität der über 60-Jährigen: „Während 1988 noch knapp 50 Prozent dieser Altersgruppe mindestens einmal pro Jahr verreisten, waren es 2001 bereits 67 Prozent. Die absolute Anzahl der Reisen hat sich im gleichen Zeitraum mehr als verdoppelt. Dieser Trend wird sich bei den zukünftigen Rentnergenerationen fortsetzen.“

Diese Entwicklung führt zu einschneidenden Veränderungen bei der Werbewirtschaft und im Fernsehen, prognostiziert Daniel Haberfeld, Director Research von Sevenone Media: „Alle Branchen müssen sich darauf einstellen, dass sich klassische Zielgruppen und Produktfelder mittelfristig verändern werden. Daraus ergeben sich neue Möglichkeiten in der Vermarktung. Einen Fehler allerdings sollten die Produktanbieter zukünftig vermeiden. Wo alt drin ist, darf nicht alt draufstehen. Denn alt ist in der heutigen Gesellschaft ein nach wie vor negativ besetzter Begriff.“ Davor hat RTL 2 offenbar keine Angst mehr. Aber auch bei der ersten Doku-Soap für die „Silver Surfer“ gilt, was für alle Privatsender zählt: Allein die Quote entscheidet über Erfolg und Ausbau.

„Suche Familie!“, RTL 2, 21 Uhr 15

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