Zinédine Zidane : Das ungezügelte Genie

Für einen Dokufilm wurde Zinédine Zidane in einem ganzen Spiel von 17 Kameras beobachtet. Das radikale filmische Konzept wird auch dank der Tonspur zum Erlebnis.

Thomas Gehringer
Zidane
Fußballstar Zinédine Zidane -Foto: ddp

Dem Genie wird der Ball zugespielt. Eine schnelle Drehung und der Gegenspieler läuft ins Leere. Zinédine Zidane stoppt, stellt den rechten Fuß auf den ruhenden Ball, blickt um sich – in diesem kurzen Moment ist er der unumschränkte Herrscher des Spiels. Ein General auf dem Fußballfeld. Das Publikum im San-Bernabeu-Stadion spürt das, spontaner App laus brandet auf für den Meister. Seltsamerweise greift für einige Sekunden auch kein Gegenspieler an, als traute sich keiner, Zidanes Autorität anzuzweifeln. „Manchmal ist es nicht sehr viel, was die Magie ausmacht. Eigentlich fast gar nichts“, wird der französische Welt- und Europameister in dem Dokumentarfilm „Zidane – Ein Porträt im 21. Jahrhundert“ zitiert.

Was ist dieses „fast gar nichts“, das Zidane unterschied von all den Stars des Fußballs? Am 23. April 2005 spielte Real Madrid in der spanischen Meisterschaft gegen den FC Villarreal. Neben den üblichen Fernsehteams beobachteten 17 Kameras das ganze Spiel über nur diesen einen Fußballer, jede Bewegung, jeden Blick, jedes Kopfschütteln, jedes Lächeln. Das eigenwillige Porträt eines eigenwilligen Sportlers von Philippe Parreno und Douglas Gordon unterscheidet sich radikal von den gewohnten Fernsehperspektiven, die hier allerdings bei den wichtigsten Szenen – den Toren und Platzverweisen – eingefügt werden. Im Übrigen besteht der Film fast ausschließlich aus Nahaufnahmen, die sich nicht fürs große Ganze interessieren. Ronaldo, Beckham, Roberto Carlos, Raúl, Figo – all die Superstars von Real Madrid huschen im Hintergrund vorbei. Die Halbzeitpause füllen die Autoren mit einer Montage über andere Ereignisse des 23. April 2005. Im Irak, wo ein Bombenanschlag Menschenleben forderte, läuft ein Junge durchs Bild. Er trägt ein Trikot mit der Nummer 5, dem Namen „Zidane“.

Das radikale filmische Konzept wird auch dank der Tonspur zum Erlebnis. Mal wähnt man sich als Zuschauer mitten im Getümmel, mal scheint sich Zidane verloren und einsam auf seinem eigenen Planeten zu befinden. Mal wird der Lärm der Zuschauer im Stadion völlig ausgeblendet, mal hört man die Rufe Einzelner unter den 70 000. Die Filmemacher wechseln akustisch ständig die Perspektiven, vom möglichst authentischen Erleben eines solchen Spielorts bis zum Abdriften in künstliche Welten. Manchmal begleitet Musik den Rhythmus des Spiels. Sehr hübsch auch die Sequenz, in der die Bilder aus der Arena in Madrid mit den Geräuschen eines Bolzplatzes unterlegt sind. Man sieht die teuersten Fußballer der Welt kicken und hört die Rufe von spielenden Kindern – ein Echo auch aus der Vergangenheit eines Zinédine Zidane, der als Sohn algerischer Einwanderer in Marseille aufwuchs, bei AS Cannes, Girondins Bordeaux und Juventus Turin zum Weltstar reifte und bei Real Madrid seine Karriere beendete: als Sieger der Champions League, als dreifacher „Weltfußballer des Jahres“ – und nach 15 Roten Karten.

Seine letzte Aktion war eine Tätlichkeit als französischer Nationalspieler, ein Kopfstoß gegen den Italiener Marco Materazzi im WM-Finale 2006 in Berlin. Mit einem Zornesausbruch, noch rätselhafter als der Ausraster nach Materazzis Beleidigung seiner Schwester, endet auch dieses Spiel und dieser Film. Dabei scheint Zidane lange Zeit konzentriert, aber beinahe teilnahmslos zu agieren. Es läuft anfangs nicht gut für Real, Zidane trabt mal hier-, mal dorthin und bekommt selten den Ball. „Fast gar nichts“, so lautet tatsächlich die Überschrift über dem Arbeitsprotokoll des Fußballkünstlers. Erst in der zweiten Halbzeit wird sein Ausnahmekönnen in einigen Aktionen sichtbar – und sein oft ungezügeltes Temperament.Thomas Gehringer

„Zidane – Ein Porträt im 21. Jahrhundert“, Arte, 23 Uhr 40.

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