Medien : Zu klein, zu groß, zu anti

Pressefreiheit in Russland – Journalisten erzählen

Dass es in Russland mit der Pressefreiheit nach westlichem Standard nicht so gut bestellt ist, ist bekannt. Journalisten in St. Petersburg und Moskau haben einmal aufgeschrieben, was das für die tägliche Arbeit bedeutet; manche ohne Nennung des Namens oder des Mediums – um weiterarbeiten zu können.

Im November 2007 wurde eine Versammlung der Präsidentenpartei „Jedinaja Rossija“ (Einiges Russland) kurz vor den Duma-Wahlen im Dezember in der Lokalzeitung „Smena“ in St. Petersburg zum Thema. Dazu sollte eine kleine Meldung veröffentlicht werden: Im Zoo in St. Petersburg leidet einer von den Bären an einer unbekannten Krankheit. Da der Weißbär das Symbol der Putin-Partei ist und der Leser nach Meinung des Chefredakteurs „unerwünschte Verbindungen“ zwischen Bär und Partei assoziieren könnte, wurde der Artikel über den sterbenden Bär erst gar nicht veröffentlicht. (Ljubow Rumjanzewa, Zeitung „Smena“)

Vor den Duma-Wahlen im Dezember 2007 hat Irina Hakamada, eine der führenden Köpfe der liberalen Oppositionspartei „SPS“, ihre Biografie in St. Petersburg präsentiert. Das Interview mit Hakamada über ihr Buch durfte erst nach den Wahlen veröffentlicht werden. (Jelena K., Baltijskaja Media Gruppa)

Ein Artikel über die Feier zum 35. Geburtstag von Sergej Matwienko, einziger Sohn der Gouverneurin von St. Petersburg, Valentina Matwienko, wurde in einer lokalen Wochenzeitung im Mai 2008 nicht publiziert. Die Party fand im Jusupow-Palast statt und kostete nach Einschätzungen von Medien zwischen 50 000 und 60 000 Euro. Nachdem der Artikel geschrieben war, bekam der Verleger einen Anruf aus dem „Smolny“ (dem Regierungssitz). Es wurde „höflich gesagt“, dass über diese Veranstaltung besser nicht zu berichten wäre. (Irina M., Wochenzeitung in St. Petersburg)

Ein Redakteur der Gratiszeitung „Metro“ durfte zwei Wochen lang nicht produzieren. Er hatte vier verschiedene Blog-Meinungen über eine russlandweite Internetkonferenz von Präsident Wladimir Putin in einer Blog-Kolumne zusammengestellt. Alle vier Blogger waren überzeugt, dass die Internetkonferenz mit Putin sinnlos, die Veranstaltung gescheitert war. („Metro“, St. Petersburg)

Während des G-8-Gipfels 2006 in St. Petersburg hatte die Nachrichtensendung „Westi“ im staatlichen Fernsehkanal „Rossija“ über Demonstrationen von Globalisierungsgegnern berichtet. Ein Anruf aus dem „Smolny“. Die Regierung meinte, „es seien schon genug Antiglobalisten im Fernsehen gewesen“. Es wurde „vorgeschlagen“, dem Thema der Unbequemlichkeiten, die der Gipfel für normale Bürger mit sich brachte, „keine besondere Aufmerksamkeit zu schenken“. (Natalja P., „Westi“, St. Petersburg)

Eine Reportage über die Körpergröße von prominenten Politikern – der Journalist verglich Frankreichs Präsidenten Sarkozy mit Napoleon; zugleich erwähnte jener die Größen von George W. Bush, Romano Prodi und Wladimir Putin. Der Redaktionsleiter der Nachrichten wusste aber aus „Kreml-nahen Quellen“, dass Putins Größe von 1,72 Meter dem Präsidenten zu klein scheint und er „davon nichts mehr hören möchte“. Die TV-Reportage wurde dann nicht gesendet. (Renat Dawletgildejew, RBK-TV, Moskau)

Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder wurde bei einem Spiel von Zenit St. Petersburg im Stadion von Journalisten bemerkt. Um ein Foto von Schröder in einer Zeitung zu veröffentlichen, brauchte der Fotograf eine offizielle Zusage von Gasprom. Schröder ist Aufsichtsratsvorsitzender der Ostsee-Pipeline-Gesellschaft, die an Gasprom beteiligt ist. Zugleich ist der Gasriese Sponsor von Zenit. (Maxim Jarwinen, Sport-Fotograf)

Es gibt das „ungeschriebene Gesetz“, dass die Fotos der Petersburger Gouverneurin Valentina Matwienko nicht veröffentlicht werden sollen, wenn sie isst, lächelt und wenn sie Alkohol trinkt. (Maxim Jarwinen, Sport-Fotograf).

Die Demonstrationen der regierungskritischen Initiative „Marsch Nesoglasnych“, die in St. Petersburg und in Moskau stattfanden, waren von der Regierung nicht erlaubt worden. Einige der mehr als 5000 Demonstranten wurden von der Polizei verprügelt und verhaftet. Die Journalisten sollten berichten, dass „einige Provokateure auf die Straßen gelaufen sind, was zu langen Autostaus geführt hat“. (Nadjeschda Maximowa, „Smena“)

Zusammengestellt von

Ljubow Rumjanzewa.

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