Medien : Zu kritisch

In Israel haben prominente Journalisten ihre Jobs verloren

Igal Avidan

Der israelische Journalist Meron Rapoport verfolgt in diesen Tagen die Anhörung vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag mit gemischten Gefühlen. Er ist stolz darauf, im Mai 2003 als erster enthüllt zu haben, dass der israelische Ministerpräsident Sharon den Verlauf des Trennungszauns bereits seit Jahrzehnten, lange vor den Selbstmordanschlägen geplant hatte. Nach diesem Entwurf sollte Israel die Hälfte der West- Bank annektieren, während die Palästinenser in drei voneinander getrennten Kantonen umzäunt werden sollten.

Rapoport publizierte diese Pläne in der größten israelischen Tageszeitung „Jedioth Acharonot“. Dass diese Veröffentlichung jedoch seine Karriere bei dieser Zeitung beenden würde, ahnte der damalige Nachrichtenchef nicht. Erfreut über den journalistischen Scoop war das Blatt keineswegs. Die große Recherche über den Trennungszaun erschien nach heftigen redaktionellen Auseinandersetzungen im Wochenendmagazin von „Jedioth“, das im Vergleich zur Tageszeitung als liberaler gilt. „Obwohl das Verteidigungsministerium sechs Monate später die gleiche Landkarte veröffentlichte,“ sagt Rapoport, „ignorierte unsere Tageszeitung völlig meinen journalistischen Scoop, der Sharon natürlich unangenehm war. Denn sowohl die internationale Gemeinschaft als auch die Palästinenser nutzten meinen Artikel, um nachzuweisen, dass dieser Zaun den Palästinensern die Hälfte der Westbank wegnimmt.“

Aus Angst um die Auflage

„Jedioth Acharonot“ ist seit zwanzig Jahren die auflagenstärkste Zeitung Israels. Jeder zweite Israeli liest sie – vom Taxifahrer bis zum Professor. Um diese Popularität nicht zu gefährden, meint Rapoport, sollten die Leser nicht verärgert werden, zum Beispiel durch seine Feststellung, dass die Sperranlage ein politischer Zaun ist, der errichtet wird, um einen lebensfähigen Palästinenserstaat zu verhindern. Die Sperranlage verstößt damit auch gegen die Road Map, so Rapoports Analyse.

Kurz danach legte Rapoport noch einmal nach. Der 46-jährige Redakteur, dessen Recherchen mit internationalen Preisen gekrönt wurden, formulierte in Anlehnung an die scharfe Kritik des Chefs des israelischen Rechnungshofes an Scharon die Schlagzeile: „Sharon hat nicht die Wahrheit gesagt“. Daraufhin wurde er fristlos entlassen – aus Sparmaßnahmen, wie es hieß. Über hundert Redakteure des Massenblatts unterzeichneten einen Appell für Rapoport, auch der Presserat und die israelische Menschenrechtsvereinigung intervenierten zu seinen Gunsten. Vergeblich.

Patriotischer Journalismus ist gefragt

Rapoport ist kein Einzelfall. Im vergangenen November wurde der renommierte Fernsehmoderator Dan Shilon aufgrund seiner regierungskritischen Moderationen entlassen. Vorher lehnte der Intendant ein geplantes Interview Shilons mit dem ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter, einem prominenten Befürworter der Genfer Initiative, ab. Der Redakteur der Sendung „Politika“, Aharon Goldfinger, musste gehen, weil er ein geplantes Interview mit Außenminister Silvan Shalom abgesetzt hatte. Der Kolumnist Gideon Spiro musste seine Kolumne „Rotes Tuch“ bei der Lokalzeitung von „Maariv“ einstellen, weil sie dem neuen Chefredakteur zu regierungskritisch war.

„Seit dem Ausbruch der neuen Intifada vor dreieinhalb Jahren stehen die israelischen Medien unter dem Einfluss der Propaganda- Maschinerie der israelischen Regierung“, kritisiert der Medienexperte Dani Dor von der Universität Tel-Aviv. „Die Politiker und die Armee üben Druck auf die Medien aus. Die Redakteure haben zudem das Gefühl, dass, solange die Intifada andauert, die Israelis patriotische Berichte fordern. Sie befürchten, dass sie durch kritische Berichte finanziellen Schaden erleiden. Daher schränken sie sich ein.“

Seine Analyse trifft teilweise sogar auf die linksliberale Zeitung „Haaretz“ zu. Deren preisgekrönte Journalistin Amira Hass, die als einzige Israeli in den Palästinensergebieten lebt und vom Alltag der Palästinenser berichtet, veröffentlichte im vergangenen Jahr ganze sieben Nachrichtentexte (sie schreibt weiterhin Reportagen). Ein Jahr zuvor waren es noch 417.

Rapoport schreibt zurzeit ein Buch über die neue Intifada für einen Verleger, der früher Chefredakteur der Lokalzeitung in Jerusalem war. Auch dieser musste gehen, weil er zu links war.

Der Autor ist Deutschland-Korrespondent des „Jerusalem Report“.

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