Zu meinem Ärger : Guttenbergs fremde Federn

Die 1Live-Moderatorin Anja Backhaus ärgert sich über die Entscheidungen von Karl-Theodor zu Guttenberg und freut sich über die Safari von Henryk M. Broder.

Foto: Achim Hehn
Foto: Achim Hehn

Liebe Frau Backhaus, worüber haben Sie sich in dieser Woche in den Medien am meisten geärgert?

Man ist als Verteidigungsminister selten allein für eine Entscheidung verantwortlich. Deswegen kann Karl-Theodor zu Guttenberg auch sagen, er habe nichts von dem Angriff auf zwei Tanklaster im Kundus gewusst, auch nicht von den Arbeitsbedingungen auf der Gorch Fock und überhaupt von den Gepflogenheiten bei der Bundeswehr und den Bedingungen in Afghanistan. Aber eine Sache hat Dr. Karl- Theodor zu Guttenberg ganz persönlich entschieden: Teile seiner Doktorarbeit abzuschreiben und Zitate nicht richtig zu kennzeichnen. Er hat sich mit fremden Federn geschmückt, um selber in einem guten Licht dazustehen. Ist so jemand noch glaubwürdig? Diese Frage wird bestimmt noch weiter in den Medien debattiert. Und damit ist schon das Schlimmste passiert, was Guttenberg in Bezug auf seine Doktorarbeit passieren konnte: Die brutalste Strafe für einen Plagiator ist nämlich die öffentliche Diskussion.

Gab es etwas, über das Sie sich freuen konnten?

Mein Lieblings-Format „Entweder Broder – die Deutschlandsafari“ wurde diese Woche noch einmal bei 3sat wiederholt. Eine Road-Movie-Doku mit dem großen Satiriker Henryk M. Broder und seinem Begleiter Hamed Abdel Samad (nach eigenen Aussagen „ein Moslem, der vom Islam zum Wissen konvertiert ist“). Ein Jude und ein Moslem sind auf der Suche nach der deutschen Identität. Bei ihrer Reise treffen sie frustrierte NPD-Nazis, rüstige Stasi-Rentner, „vollintegrierte“ Türken, die Alkohol trinken und ihrer Schwester verbieten, Sex vor der Ehe zu haben. Die beiden führen mit viel Humor deutsche Befindlichkeiten vor. Großartig!

Welche Website können Sie empfehlen?

Entgegen aller Elegien ist das Musikvideo noch längst nicht tot, im Gegenteil. Im Internet zeigt es sich lebendiger denn je. Ein hervorragendes Beispiel dafür liefern die diesjährigen Grammy-Gewinner Arcade Fire mit ihrem interaktiven Clip „The Wildernessdowntown“ (http://www.thewildernessdowntown.com). Technisch innovativ und emotional anrührend wie kaum ein Musikvideo zuvor: Nostalgische Kindheitserinnerungen des Zuschauers werden geweckt, indem man das eigene Elternhaus via Google Earth und Streetview ins Zentrum der Bilderfolgen stellen kann. Das Ganze wird dann äußerst stimmig untermalt vom melancholisch-schönen Sound von Arcade Fire.

Anja Backhaus

ist Moderatorin beim Radiosender 1Live und führt bei dem ARD-Programm Einsfestival durch die Sendung „Einsweiter“.

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