Zu meinem ÄRGER : Tanz den Tschetschenen

Andreas Postel resümiert die Medienwoche.

Herr Postel, worüber haben Sie sich in der vergangenen Woche in den Medien am meisten geärgert?

Über die Meldung, dass das Fernsehballett des Mitteldeutschen Rundfunks in Grosny die Beine hüpfen ließ: Das Ensemble tanzte Anfang Oktober auf einer Feier des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, einem Mann, dem Menschenrechtler Verstrickungen in Auftragsmorde und Verschleppungen vorwerfen. Obwohl die Tänzer zwar keine Angestellten des MDR sind, will man in Zukunft Auftrittsanfragen intensiver prüfen lassen. Ein fader Beigeschmack bleibt nach dem Geburtstagsauftritt für den Despoten. Da hätten die Tänzer ja gleich noch bei Gaddafi in Libyen vorbeischauen können, aber das geht ja nun zum Glück nicht mehr.

Gab es auch etwas, worüber Sie sich freuen konnten?

Ja, große Überraschung bei „Anne Will“, der in dieser Woche ein wirklich interessanter Talk zum Thema Cyber-Mobbing gelungen ist. Es ging um Schulhofdresche im Digitalzeitalter und das unaufgeregt und aufgeklärt. Das Netz und wie es unsere Kinder nutzen, bleibt den meisten Erwachsenen ja zum großen Teil doch ein großes Rätsel. Eine Steilvorlage war der Film „Homevideo“, der gerade erst und zu Recht mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet worden ist. Da kann ich nur hoffen, dass solche Sendungen mehr Sensibilität erreichen und unsere Kinder verschont bleiben von dieser Art digitalen Mobbings.

Welche Website können Sie empfehlen?

„Wir sind die 99 Prozent“ hatten einige deutsche Demonstranten am Occupy-Aktionstag auf ihre Schilder geschrieben. Ein kurzer Ausflug auf das Blog der US-Bewegung wearethe99percent.tumblr.com reicht, um zu verstehen, dass dieser Slogan in den USA eine andere Bedeutung hat als bei uns: Eine fast unendliche Abfolge von überschuldeten, unversicherten und unterbezahlten Menschen präsentiert sich dort - viele davon unter 30 – und versichert auf den Pappkartons und Schmierzetteln, die sie in die Kameras halten, dass sie doch eigentlich immer alles für ihre Karriere gemacht haben. Die Schneise der sozialen Verwüstung ist in den USA unvergleichlich tiefer als in Deutschland.

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