Zu PAPIER gebracht : Alle doof, außer wir

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Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Diese Offline-Regel gilt auch online: dass Dosierung und Wirkung miteinander zu tun haben. Zu wenig Parfum riecht keiner, zu viel ist aufdringlich, zu wenig Lob am Arbeitsplatz verdrießt die Mitarbeiter, zu viel macht bequem. Und zu wenige Shitstorms machen vielleicht die neue Protestform vergessen, zu viele aber: nerven.

Der Shitstorm, diese moderne Form, jedem, der handelt oder sich äußert, online Massenkommentare anzukleben, ist in Gefahr. Er droht wegen Übernutzung lästig zu werden, eine Meckerecke der Ansichtenspießer.

2010 wurde via Greenpeace angeprangert und per Shitstorm öffentlich, dass der Schweizer Konzern Nestlé für seinen Schokoriegel Kitkat Palmöl verwendet, dessen Abbau die Lebensräume des Orang Utan gefährdet. Reaktion: Nestlé schottete sich zunächst ab, kündigte unter dem Druck aus dem Netz aber die Verträge mit dem Palmöllieferanten. Relevanz: hoch. Shitstorm: wichtig.

Und jetzt? Alle naselang wird ein Shitstorm gemeldet, ohne dass sich einer noch an die Anlässe erinnern könnte. Banale Politikeraussagen, kindische Firmenaktionen, blöde Produkte – immerzu gibt es irgendetwas zu meckern, möglichst plakativ, im Ton nicht selten hämisch, die Attitüde ist: alle doof, außer wir. So ist der Eindruck entstanden, es werde inzwischen vor allem aus Geschwätzigkeit geshitstormt. Als würden Empörungsthemen regelrecht gesucht, ihre Bedeutungen aufgemotzt, und noch die kleinsten Nebensächlichkeiten zum Grundstürzenden (v)erklärt. Als laufe da eine heimliche Wette. Wer sammelt mehr Mitschimpfer? Dazu passt natürlich die begriffliche Unklarheit. Was ist Kritik, was Mobbing, was ein Shitstorm?

Zuletzt nervten die Shitstormer mit einer Erregung, die sich gegen ein T-Shirt des Versandhauses Otto richtete. Ein Mädchen-T-Shirt, auf dem „In Mathe bin ich Deko“ stand. Aufschrei! Das sei ein Schlag ins Gesicht sämtlicher naturwissenschaftlich begabter Mädels (ja, Mädels stand da unter anderem, ist das nicht auch einen Shitstorm wert?). Sicher, in letzter Konsequenz zu Ende gedacht führt dieser Spruch in die sexistische Diskriminierung von Frauen. Aber in letzter Konsequenz ist das Leben immer tödlich und das Wohl der Einen oft das Wehe der Anderen. Und so werden es nicht wenige sein, die den Otto-Shitstorm humorlos und übertrieben fanden. Relevanz: niedrig. Shitstorm: nervig. Das ist schade.

Der Shitstorm (bei aller Blödheit des Begriffs) ist ein guter Weg, Missständen eine Öffentlichkeit zu verschaffen, denn offenbar reagieren Firmen – auch Otto nahm trotz der Fragwürdigkeit des Vorwurfs die Deko-T-Shirts aus dem Sortiment (jedenfalls die, die noch nicht verkauft waren, das T-Shirt kam gut an). Der Shitstorm kann also ein Alarmknopf der sonst kaum gehörten Massen sein. Aber wie jeder Alarm sollte er erst eingeschaltet werden, wenn es wirklich brennt. Und nicht schon, wenn es nur heiß ist.

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