Zu Papier gebracht : An den Wählern vorbei

Der Wahlkampf im Social Web ist nicht nur belanglos, banal und blöd. Er ist auch: laut und nervig.

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Mario Sixtus.
Mario Sixtus.Foto: mauritius images

Der Bundestagswahlkampf im Social Web. Eine Momentaufnahme: „Auf dem Weg nach Erfurt. Der Wenigemarkt ist vorbereitet für den Grünen Wandel in Thüringen“, frohlockt die grüne Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckard, während Peer Steinbrück sich in Minimalismus übt: „Viel los gestern in Emden“, tagebucht er norddeutsch-lakonisch auf Facebook. Peter Tauber, der in der CDU als Internet-Versteher gilt, jubiliert derweil auf Twitter: „150 Leute warten auf Peter Altmeier.“ Alexander Schweitzer, Sozialdemokrat und Sozialminister des Landes Rheinland-Pfalz, lässt sich davon nicht beirren: „War eben beim Landesverband der Blinden und Sehbehinderten in Wilgartswiesen. Habe die neuen Braille-Kursteilnehmer begrüßt“, dokumentiert er ungerührt. Nicht ganz so gemütlich erging es dem grünen Bundestagsabgeordneten Omid Nouripour: „Plitschplatsch-nass floh ich unters Vordach der U-Bahnstation Nationalbibliothek“, berichtet er. Doch da kann Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr nicht mehr an sich halten: „Ich habe 4 Fotos im Album ,Äpfelverteilen am Hauptbahnhof Münster‘ auf Facebook gepostet“, bricht es aus ihm heraus.

Belanglos, banal und blöd

Nein, nein, er ist nicht nur belanglos, banal und blöd, der Wahlkampf im Social Web, auch wenn die obigen Fundstücke diesen Schluss nahelegen. Er kann auch ganz anders sein: laut und nervig nämlich.

„Freiheit statt Verbote: Deswegen Schwarz-Gelb statt Rot-Rot-Grün“, trompetet der offizielle FDP-Account auf Twitter. Der SPD-Parteivorstand hält mit gleicher Lautstärke dagegen: „Schwarz-Gelb abwählen, Steuerbetrug bekämpfen!“ Die Online-Redaktion der CDU kramt daraufhin den Altkanzler hervor und triumphiert: „Helmut Kohl: Beide Stimmen CDU!“ Erwartungsgemäß beeindruckt das die Grünen wenig, die einmal mehr ihr Mantra twittern: „Mit Merkel droht das Ende der Energiewende. Deshalb: Zweitstimme GRÜN!“ Die Piraten mit ihren zigtausend verschiedenen Social-Media-Accounts, über die sie mindestens ebenso viele unterschiedliche Positionen in die Welt hinauspumpen, fehlen aus ebendiesem Grunde in dieser Betrachtung.

"Facebook und Twitter sind keine Werbemedien"

In Köln findet zeitgleich die Dmexco statt, die größte Messe für Online-Reklame in Deutschland. Thomas Koch, einer der wenigen gestandenen Werber, die den Wandel durch das Netz begriffen haben, sagt dort auf einem Podium: „Facebook und Twitter sind keine Werbemedien. Wir stören die Menschen dort beim Kommunizieren.“ Es ist eher unwahrscheinlich, dass es diese Erkenntnis bis in die Berliner Wahlkampfzentralen hinein schafft.

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