Zu PAPIER gebracht : An der Oberfläche

Falk Steiner möchte sich nicht immer verändern müssen

Falk Steiner

Sie haben ein Telefon. Nein, ein Smartphone. Ach, genau genommen ist es ein kleiner Computer, mit dem sie auch noch telefonieren können. Es gibt zumindest eine Funktion, mit der das geht. Genau wie Textnachrichten und E-Mails. Schauen Sie mal auf ihr taschenkompatibles Endgerät. Fällt ihnen dabei etwas auf? Die Symbole vielleicht?

Da ist ein Telefonhörer zu sehen. Und ein Briefumschlag. Und die Kamera hat ein kleines Objektiv. Der Kalender, auch er hat ein ziemlich eigentümliches Aussehen. Oh, ein Anruf. Also die Durchleitung digitalisierter Sprache, die der Taschencomputer wieder hörbar macht. Gleich mal den Hörer abnehmen. Ein Freund kündigt an, per E-Mail gleich Fotos zu schicken. Schön, legen wir doch gleich mal einen Ordner dafür an und legen sie dort ab.

Fällt Ihnen etwas auf? Sprachlich und in der Symbolsprache sind wir nach wie vor im prädigitalen Zeitalter. Hörer, Umschlag, Objektiv, Ordner – all das würde man wohl nur mit Gewalt in die Taschentelefoncomputer hineinpressen können.

Ältere Menschen beklagen sich oft, dass sie mit der Symbolik und der Bedienung von solchen neumodischen Geräten nicht zurechtkämen. Kinder verstehen zwar, was passiert, wenn sie auf ein entsprechendes Symbol klicken – haben aber oft überhaupt keine Ahnung mehr, wofür das Symbol steht.

Wir befinden uns in einer Phase des Übergangs: von Analogien des analogen Zeitalters in digitale Symbolik. Nur sonderlich weit gekommen sind wir noch nicht. Und wie sehr wir dabei Gewohnheitstiere sind, das merken wir immer erst dann, wenn sich die Nutzeroberfläche einer von uns viel genutzten Anwendung mal verändert.

Nicht mehr unten links klicken? Sondern nun vielleicht oben? Oder erst auf ein Menü? Warum muss sich das überhaupt verändern? Große Aufregung herrschte in den Büros, als Microsoft seine Oberfläche für die Bürosoftware Office umstellte. Wie kann man nur? Zwar war vorher alles weniger logisch, aber bereits bekannt. Gleiches galt für die größeren Veränderungen an der Oberfläche des Betriebssystems Windows.

Es gibt Menschen, die verdienen ihr Geld damit, sich auszudenken, wie genau die Mischung aus digitaler und analoger Symbolik sein darf. Wie sich Anwendungen langsam und schrittweise von alten Mustern hinweg zu neuen bewegen dürfen, um nicht alle Nutzer abzuschrecken. Und es gibt Menschen, die eigentlich nur eines wollen: dass sie bloß nicht umdenken oder umlernen müssen.

Weshalb wir auch heute noch sagen können, dass wir zum Telefonhörer greifen wollen – wenn wir in Wahrheit nur einen digitalen Verbindungsaufbau zur Übertragung beidseitig digital modulierter Sprache anstreben. Aber ob unsere Kinder wirklich noch verstehen werden, was wir da sagen?

Falk Steiner ist Journalist und setzt sich für Bürgerrechte im Internet ein.

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