Zu PAPIER gebracht : Das Ende der Vorherrschaft

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Foto: Kai-Uwe Heinrich
Foto: Kai-Uwe HeinrichFoto: Kai-Uwe Heinrich tsp

Das Internet gehört nicht mehr länger den Vereinigten Staaten von Amerika allein. Verkündet wurde das Ende der digitalen Vorherrschaft in Peking, von einem US-Amerikaner libanesischer Herkunft mit ägyptischem Pass.

Auf einer Tagung in dieser Woche verkündete Fadi Chehadé, dass seine Institution, die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN), das Netz künftig nicht mehr allein aus Los Angeles regieren werde, sondern von drei gleichberechtigten Standorten aus, verteilt über die Weltregionen. Die privatrechtlich organisierte ICANN, die unter anderem Domainnamen und IP-Adressen vergibt, ist eine der wichtigsten „Verwaltungsorganisationen“ des Netzes. Über die Jahre hat sie sich aus der amerikanischen Aufsicht gelöst. Die Eröffnung weiterer Standorte ist ein logischer Schritt. Zwar ist die technische Infrastruktur des Internets weiterhin vor allem in der Hand von US-Firmen. Aber die Entfernung von der nordamerikanischen Kinderstube des Internets ist unaufhaltbar.

Dass der Schritt über die US-Grenzen hinaus ausgerechnet auf dem ICANN-Treffen in China verkündet wird, einem Land mit geschätzten 564 Millionen Internetnutzern, mag Zufall sein. Die Wahl der drei neuen Standorte ist es nicht. Das Netz wächst inzwischen außerhalb des Westens, besonders, seit die gängigen Domainnamen in lateinischer Schrift durch Namen in Schriften aus aller Welt ergänzt werden. Dafür stehen die neuen Standorte: Singapur – zuständig für den boomenden asiatisch-pazifischen Raum. Und Istanbul als aufstrebender Brückenkopf zwischen Europa, dem Mittleren Osten und Afrika.

In seiner virtuosen Präsentation konnte Chehadé auf eine Sache gar nicht oft genug zu sprechen kommen: auf die „magische Zutat“ der ICANN, auf das, „was uns einzigartig macht“, nämlich das „bottom-up Multi-Stakeholder“-Modell. Die ICANN ist eine Institution, in der Beschlüsse von unten nach oben unter Beteiligung aller Interessengruppen gefasst werden. Dazu wolle er sich nachdrücklich bekennen, sagte Chehadé.

Zieht man den ganzen Verbalzauber ab, der das Herz der Netzgemeinde wärmt, wird deutlich, warum sich die ICANN gerade jetzt bewegt. Die Organisation sieht sich bedrängt von einer Allianz nationaler Regierungen, besonders autoritär regierter Staaten, die den „bottom-up“-Hokuspokus durch geordnete Regierungsformen ersetzen wollen und im Rahmen der International Telekommunikation Union (ITU), einer Organisation der UN, die Entmachtung der ICANN energisch verfolgen. Denjenigen Staaten in der ITU, die zwar die US-Vorherrschaft in der Regulierung des Internets reduzieren, aber dem autoritären Drängen zensurfreudiger Staaten nicht nachgeben wollen, öffnen Chehadé und die ICANN mit ihrer Globalisierungsoffensive jetzt die Tür. Um sie denjenigen zu verschließen, die die Zeiten ICANN-regierten Internets beendet sehen wollen.

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