Zu PAPIER gebracht : Der Glückwünschomat

Mercedes Bunz
Foto: privat
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Seitdem sich Algorithmen des Geburtstags angenommen haben, ist der Tag nicht mehr, was er einmal war. Wie wichtig einem jemand war, hat sich früher auch daran gemessen, ob man sich an seinen Geburtstag erinnerte: Plötzlich erschrecktes Zusammenzucken, siedend heiß fällt einem ein, verflixt, man hat noch nicht gratuliert. Freundschaften, Karrieren, Ehen und Weltreiche sind schon an verpassten Glückwünschen zerbrochen, denn seien wir ehrlich: Geburtstage gaben dem Unterbewusstsein irgendwie auch eine Chance, mal seine Sicht der Dinge durchzusetzen. Bis die Digitalisierung ihm einen Strich durch die Rechnung machte.

Heute hat das Unterbewusstsein keine Chance mehr. Am frühen Morgen schickt der elektronische Kalender eine Nachricht, dass man zu gratulieren hat. Ignoriert man das noch verschlafen, nehmen einen in der Mittagspause die sozialen Medien in die Mangel. Man scrollt an Massen von identischen Nachrichten vorbei, die alle derselben Person auf die Pinnwand pinseln: Alles Gute zum Geburtstag! Hat man das misslaunig weggeklickt, rufen einem Skype und andere Programme hinterher: Heute hat XY Geburtstag! Kurzum, die Geburtstage unserer Mitmenschen benehmen sich heute geradezu aufdringlich.

Dafür kann das Gratulieren im Handumdrehen erledigt werden. Sich mühsam ein Geschenk auszudenken, war gestern. Assistiert von Algorithmen prasseln die Kaufempfehlungen für den Freund oder Vorgesetzten auf einen ein. Man klickt beim nächstbesten Buchversand die neue Steve-Jobs-Biographie an und schon ist das Geschenk fertig, einpacken tun die Algorithmen das auch. Sie schreiben auch den Begleitbrief: Webseiten schlagen Glückwunschvariationen vor und sagen, welche Berühmtheiten am gleichen Tag geboren worden sind – heute feiern beispielsweise die Schauspielerin Alexandra Maria Lara, Fußballer Robert Müller und mein lieber Kollege Nils Minkmar: Alles Gute zum Geburtstag, die Algorithmen grüßen Euch! Sie rechnen weiter den Geburtstag in Tage, Stunden oder Hundejahre um, sie spucken Steine und Sternzeichen aus.

Was sie einem aber nicht sagen, ist Folgendes: Wenn Algorithmen das Erinnern übernehmen, wie stellen wir heute fest, wer einen wirklich mag? Auch dafür hat die Welt eine neue Lösung. Denn klar ist, Algorithmen verschieben zwar unsere Welt, aber nur ein wenig. Das Sich-Mühe-Geben nimmt einfach andere Formen an. Sich Zeit nehmen, beispielsweise. Und so werden dank Digitalisierung Basteln, Backen und das mühsame Mit-der-Hand-Schreiben wieder wichtig, denn liebevoll selbst Vergurktes signalisiert, dass jemandem einem etwas wert ist. Liebe Geburtstagkinder dieses Wochenendes: Happy Birthday!

Die Autorin war Online-Chefin des Tagesspiegels. Sie lebt in London, schreibt ein Buch über Digitalisierung und Gesellschaft und bloggt unter www.mercedes-bunz.de

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