Zu PAPIER gebracht : Der Morgen danach

Johannes Fischer
Foto: privat
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Reden wir mal über Spaß. Den hatten offenbar einige auf der ersten deutschen Campus Party, einem der größten Treffen für Technikbegeisterte weltweit, das heute am Flughafen Tempelhof zu Ende geht. Alex zum Beispiel. Der 26-Jährige programmiert normalerweise Internetseiten. Am Mittwoch saß er am Stand eines Online-Marktplatzes für Selbstgemachtes das erste Mal in seinem Leben an einer Nähmaschine und bastelte eine Filztasche für seinen Laptop. „Das macht wahnsinnigen Spaß.“ Am nächsten Tag schneiderte er sich eine Handy-Tasche. Da hat wohl jemand ein neues Hobby gefunden.

So ähnlich ging es vielen der 10 000 Besucher. Piotr kommt aus Polen, studiert aber gerade in England Game Modeling und will Computerspiele gestalten. Er wird sich mit vielen Zockern und Programmierern unterhalten haben. Oder Tayce und Ece aus der Türkei. Die beiden haben gerade ihr Ingenieursstudium abgeschlossen, und der Besuch der Campus Party ist Teil ihrer ganz persönlichen Uni-Abschlussfahrt. Oder Nadin und Darja aus Berlin. Die beiden TU-Studentinnen haben ihre Karten gewonnen. Und obwohl sie eigentlich nach Hause fahren könnten, verbringen auch sie ihre Nächte in einem der vielen blauen Zelte, die zum Schlafen in den Hangars stehen.

Wenn die Campus Party heute zu Ende geht und sich die Technikfreunde wieder auf den Weg nach Derby oder Ankara oder Lichtenberg machen, dann werden sie Geschichten mitnehmen. Von diesem Steampunker zum Beispiel, mit seinem PC im viktorianischen Stil. Oder sie haben Donald G. James zugehört, dem Ausbildungsleiter des Ames-Forschungszentrum der NASA. Warum dieser PC so viktorianisch aussieht oder was Donald G. James letztlich gesagt hat, ist eigentlich egal. Aber alle waren begeistert.

Daher hat es mich am Anfang gewundert, dass bei so vielen neugierigen jungen Menschen aus ganz Europa so wenig deutsche Netzprominenz den Weg nach Tempelhof fand. Die meisten Berliner blieben offenbar lieber zu Hause, und die Auswärtigen reisten gar nicht erst an. Liegt das an den Themen? So eine Campus Party ist ein egalitärer Ort. Egal, ob man auf Computerspiele, Java-Script-Programmierung oder die Urheberrechtsdebatten steht, all diese digitalen Steckenpferde waren hier gleichberechtigt nebeneinander aufgereiht. Denn, hey, wir sind doch alle Nerds und haben uns lieb.

Möglich, dass das vielen nicht gereicht hat. Denn während auf dem Flughafen ein unbeschwertes digitales Freudenfest gefeiert wurde, verabschiedete Australien ein sehr weitreichendes Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung. Die Internationale Vereinigung der Polizeichefs hat sich auf gemeinsame Richtlinien für den Einsatz von Aufklärungsdrohnen geeinigt. Und auch in der deutschen Urheberrechtsdebatte wird wieder scharf geschossen. Da hört der Spaß dann auf.

Der Autor ist freier Journalist.

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