Zu PAPIER gebracht : Der Rezensent ist Künstler

Dominik Drutschmann
Foto: privat
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Sollte in meinem Elternhaus ein neues Gerät angeschafft werden, ein Fernseher etwa, ging meine Mutter zum Verbraucherschutz. Sie ließ sich beraten, wälzte die Magazine der Stiftung-Warentest, entschied sich für einen Fernseher, dann für einen zweiten und kaufte schließlich einen dritten. Auch ich bin in Kaufhäusern völlig überfordert. Auch aus mir ist – wie sollte es anders sein – ein Zauderer geworden.

Wie bei allen großen und kleinen Problemen dieser Welt hilft mir das Internet, mit Kundenrezensionen. Egal wie speziell das Produkt, bei Amazon gibt es bestimmt einen, der dazu eine Meinung hat. Ich lese sie alle. Exzessiv.

Zuletzt wollte ich ein T-Shirt kaufen. Beim Stöbern auf Amazon stieß ich auf ein Batik-Shirt, auf der Vorderseite drei Wölfe und ein überdimensionaler Mond. Glaubt man den Rezensionen, ist es nicht einfach ein T-Shirt. Das Leben von User „Xaixas“ hat sich komplett verändert, seit er das Shirt hat, vom Loser zum Winner für unschlagbare 11,16 Dollar. Das Wolf-Mond-Shirt hat über 2000 Rezensionen, eine absurder als die nächste. „Dustin Drury“ hat eine Videorezension hochgeladen. Inhalt: eine Frau im Indianerkostüm findet einen Verlierertypen auf dem Bürgersteig, schenkt ihm das Wolfmond-Shirt und singt ein Lied dazu. Auf Frauen wirkt der Ex-Loser seitdem unwiderstehlich, Männer zollen ihm Respekt.

Das Ganze ist natürlich nicht ernst gemeint, sondern ein neues Phänomen: Hobby-Komödianten haben Amazon als Bühne entdeckt. Es gibt nur eine Regel: je absurder das Produkt, umso absurder die Rezensionen. Eine Firma aus Florida zum Beispiel bietet einen Laptoptisch fürs Lenkrad an. „Drlcartman“ hat als Rezension ein Foto dazu hochgeladen. Von einem Auto, das in einem Hausdach steckt. Kreativität erzeugte auch eine „Enten-Presse“ („funktioniert auch bei Ratten, Eichhörnchen, streunenden Katzen“) und ein Sack voll Plastikknochen („Nicht für Suppe geeignet“). Warum tun Menschen das? „Ich hatte nicht den Mut, es auf einer Stand-Up-Bühne zu probieren“, sagt einer der Quatsch-Rezensenten. Bei Amazon hat er immer ein Publikum.

Das Wolfmond-Shirt habe ich schließlich tatsächlich gekauft. Seitdem, ich schwör’s Ihnen, ist es mit dem Zaudern vorbei. Ich kaufe, kaufe, kaufe. Blind, teuer, unnütz. Mein Leben hat sich komplett geändert! Das kann ich auch singen.

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