Zu PAPIER gebracht : Die Fassade wirkt etwas vertwittert

Falk Lüke

Als Barack Obama zum Präsidenten gewählt wurde, galt er als der König des Internets. Seine Onlinekampagne, die wohl beste zum damaligen Zeitpunkt, galt ab 2008 als das Maß der Dinge. Obama twitterte, oder ließ twittern. Er benutzte Facebook, oder ließ Facebook benutzen. Obama erzeugte eine regelrechte Onlineeuphorie, hatte die Unterstützung fast aller Start-ups und Internetkonzerne in den USA. Und er hatte etwas, was kein anderer hatte.

Obamas Kampagnenhauptquartier erzeugte mit einem großen Freiwilligensystem viel Aufmerksamkeit. Die Unterstützerkampagne war riesig, „Change you can believe in“ war das Motto. Obama war der Mann mit den hunderttausenden Twitter-Followern, der mit den hunderttausenden Facebook-Freunden, überall mit einem Blackberry zu sehen.

Kurz nach der US-Präsidentenwahl stand die Bundestagswahl 2009 an. Scharenweise zogen die Wahlkampfexperten der deutschen Parteien in die USA, um das Erfolgsrezept Obama zu erkunden. Nicht, dass auch nur einer der Spitzenkandidaten für das Kanzleramt hierzulande dann getwittert hätte. Aber sie wollten erfahren, wie auch sie diesen Wahlkampf, den Wahlkampf im Internet, ähnlich erfolgreich gestalten könnten. Das Problem: es gab keinen deutschen Obama, weder was das Äußere anging noch inhaltlich. Denn Obama konnte das Netz aus einem einfachen Grund für sich begeistern: er hatte (neben allerlei Wahlversprechen, die er später nicht hielt, wie etwa der Schließung des Lagers Guantanamo) auch inhaltlich etwas zu bieten für die Meinungsführer im Netz.

Auch Angela Merkel schreibt Kurznachrichten. Als SMS. Ein Smartphone? Noch nie bei ihr gesichtet worden. Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück sind ebenfalls nicht für ihre Internetaffinität bekannt. Sigmar Gabriel und Jürgen Trittin twittern mittlerweile, der eine über seine Babypause und der andere über seinen Nachnachfolger Peter Altmaier. Der ist eines der wenigen deutschen Polit-Twitter-Sternchen. Im Bundestagswahlkampf 2013 werden die Parteien wieder alles daran setzen, auch im Internet als modern dazustehen. Aber ein Obama? Ob SPD oder CDU: die Meinungen ihrer Spitzenkandidaten zur Netzpolitik – zum Beispiel zur bei der Netzwählerschaft verhassten Vorratsdatenspeicherung – sind die beste Garantie, dass sie online kaum gewinnen können. Zumindest nicht bei denen, die für Obama 2008 so wichtig waren: die Online-Multiplikatoren, die Blogger, Twitterer und Facebook-Sternchen. So wie es auch dem Original im Netz zunehmend schwerfällt zu glänzen. Denn von seinen Versprechen hat der US-Präsident Barack Obama nur einen kleinen Teil eingelöst, auch netzpolitisch.

Falk Lüke ist freier Journalist und bloggt unter www.falk-lueke.de. Er ist Mitgründer der „Digitalen Gesellschaft“, die sich für Netzfreiheit einsetzt.

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