Zu PAPIER gebracht : Druck mir das Wichtigste aus!

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Foto: Kai-Uwe Heinrich
Foto: Kai-Uwe Heinrich

Kürzlich habe ich mich pro Print geäußert. Solchen Unsinn kenne er sonst nur von älteren Kollegen, die blind sein wollten gegenüber der neuen Welt, hat ein Kollege gesagt. Wieso schert es eigentlich keinen, wenn Fünfzigjährige zuhauf über das Internet jammern, aber wenn das eine tut, die nur halb so alt ist, sind alle entsetzt? Mancher scheint zu glauben, als Angehörige meiner Generation müsse ich in Bits denken und noch im Schlaf posten. Ich möchte das Internet nicht missen! Aber ich will mit dem gleichen Recht offline leben wie meine älteren Mitmenschen. Und auch mal genervt sein dürfen:

Ich verpasse 99 Prozent der Statusmeldungen meiner Kontakte, das macht mir nichts. Ein Mitschnitt aus dem restlichen Prozent: J. steigt jetzt aus der Wanne, M. freut sich auf die nächste Staffel Doctor’s Diary. Nein, ich fürchte nicht, den Anschluss zu verlieren, zu vereinsamen. Ich fürchte, es könnte meine Beziehung zu einigen netten Menschen verschlechtern, wenn ich mir täglich reinzöge, was sie meinen, mir mitteilen zu müssen. Ich besitze seit sechs Monaten ein Smartphone und habe mir noch keine App heruntergeladen – immer war irgendetwas anderes wichtiger. Ich hole mir die Zeitung in den vierten Stock, obwohl ich ein E-Paper haben könnte. Nee, ich schwärme jetzt nicht von dem „haptischen Erlebnis“ des Zeitunglesens. Ich finde es ermüdend, auf die immer gleiche Art am Display zu konsumieren.

Mir gefällt die Übersichtlichkeit der Zeitung. Online ist da immer noch ein Link, der schreit: lies mich! Rein psychologisch tut mir das Zeitunglesen gut: Es gibt mir das befriedigende Gefühl, fertig zu werden.

Ich nehme in Kauf, dass mich nicht alles, was passiert, gleich erreicht oder auch gar nicht. Ich wähle die Zeitungen und Magazine aus, denen ich zutraue, dass sie mir das Wichtigste aus dem Internet ausdrucken. Das muss man sich mal klarmachen: Diesen Service gibt es schon für etwas mehr als einen Euro am Tag.

Es macht mich traurig, dass einige das Internet als Alibi nutzen. „Wir abonnieren keine Zeitung. Wir informieren uns online“, sagen Freunde von mir. Aber sie informieren sich nicht. Sie leiten mir Videos von sprechenden Hunden weiter, aber sie haben vom arabischen Frühling kaum was mitbekommen.

Täglich in der Bahn ärgere ich mich über das Internet: Früher habe ich beobachtet, was die Fahrgäste lesen. Der mit der Bommelmütze blättert in der Konkurrenz, er dort ist vertieft in den kleinen Hobbit. Diese so voyeuristische wie inspirierende Beschäftigung fällt weg, weil alle nur auf ihren Tablets herumwischen.

Ja: Ich wünsche mir ehrlich, dass Print überlebt. Damit bin ich sicher nicht repräsentativ für meinen Jahrgang, ich weiß, aber hoffentlich auch nicht allein. Möchte mir jemand zustimmen, ein paar aufmunternde Worte schreiben? Für den Fall: Ich freue mich mehr über eine handschriftliche Weihnachtskarte, als über eine Rundmail, in der es singt und blinkt.

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