Zu PAPIER gebracht : Leg’ endlich die Brille weg

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Foto: Mike Wolff
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Mit einem actiongeladenen Video versetzte Google vor gut einer Woche das Internet in helle Aufregung: Das Prestige- und Marketingprojekt „Google Glasses“, die Google-Brille, stehe kurz vor der Vollendung, sagt das Unternehmen. Wie immer ist das Marketingkonzept genial. Google weckt das Begehren mithilfe von Verknappung und Wettbewerb. In dieser Woche endete die Bewerbungsfrist für ausgewählte Tester aus den USA. Interessenten konnten sich unter anderem öffentlich über Twitter bewerben und machten so gleich kostenlos Werbung für das Objekt ihrer Begierde. Medien und Technikfreaks aus aller Welt überschlugen sich, um an ein Exemplar zu kommen, obwohl die Gewinner auch noch 1500 Dollar dafür zahlen müssen.

Die Brille soll neue Maßstäbe in Sachen mobiles Internet setzen. Bislang haben viele Nutzer das Internet zwar immer dabei, aber meist eben in der Tasche. Selbst diesen Griff will Google uns in Zukunft ersparen. Das Netz soll direkt auf der Nase sitzen, integriert in eine Brille. Die soll den Weg in eine tastatur- und bildschirmfreie Zukunft weisen. Die Brille soll auf Sprachbefehle hin Bilder und Videos von jener Umwelt machen können, navigieren, Nachrichten versenden und Suchanfragen bearbeiten. Noch in diesem Jahr soll die Datenbrille in den Handel kommen.

Tatsächlich könnte das neue Gerät einen Innovationsschub auslösen. Die „Augmented Reality“, eine durch zusätzliche Informationen aus dem Netz für den Betrachter erweiterte Realität ist seit Jahren einer der Hype-Begriffe der IT-Branche – durch dieses Gerät könnte die Idee realisiert werden. Während Smartphones eine aktive und nicht gerade unauffällige Bedienung erfordern, verübt die Datenbrille ihren Dienst im Verborgenen – wenn sie denn hält, was Google verspricht. Auch ordentliche Sprachsoftware, wie sie bisher zum Beispiel in Apple-Geräten verbaut ist, funktioniert noch bei Weitem nicht einwandfrei. Trotzdem hat ein solches Produkt das Potenzial, nicht nur unser Verhältnis zur Technik, sondern auch das Verhältnis der Menschen untereinander zu verändern.

Die Funktion, die die Kommentatoren im Netz bisher am meisten erschreckt, ist die Möglichkeit, unauffällig Bilder und Videos aufzunehmen. So warnen bereits die ersten, bevor auch nur der erste Nutzer die Brille zu Gesicht bekommen hat. Der „Berufsfuturist“ Jamais Cascio sieht das Zeitalter des „partizipativen Panoptikums“ aufziehen. Im Panoptikum, einem Gefängnismodell des englischen Sozialtheoretikers Jeremy Bentham, leben die Insassen in einem Zustand der ständigen Überwachung.

Insgesamt überwiegen Euphorie und Faszination. Es ist deshalb nicht nur aus Marketinggründen klug von Google, die Leute einzuladen, sich an der Entwicklung der Brille zu beteiligen und neue Funktionen zu erfinden. Wie eine innovative Idee an Befürchtungen zerschellt, das konnte das Unternehmen ja bereits mit seinem Dienst „Streetview“ erleben. Am Ende wird Google Glasses das sein, was die Menschen daraus machen. Und ob wir unserem Gegenüber nun „Nimm endlich die Brille ab“ oder „Leg’ endlich dein Handy weg“ sagen, ist letztlich auch einerlei.

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