Zu PAPIER gebracht : Von Koreferenten und Generalisten

Falk Lüke
Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Ein Vortrag, wie einige in diesem Jahr. Ich redete – wie so oft – über das Internet. Darüber, welche Fragen es die Gesellschaft an sich selbst stellen lässt. Was sich verändert, wenn wir relevante Kommunikation auf diese Infrastruktur legen. Was das für Machtverschiebungen mit sich bringt. Welche Herausforderungen für den klassischen Nationalstaat daraus entstehen. Ein Herr meldet sich: „Aber dieses Internet, kann das wirklich meine Zeitung ersetzen?“

Mit dieser doch sehr allgemeinen Frage hatte ich bei dem anwesenden Publikum, das allgemein recht gut vorbereitet schien, nicht gerechnet. Bei einem anderen Vortrag war ich um eine generelle Einführung in das Thema „Internet und Politik“ gebeten worden. Ich erzählte sehr oberflächlich über die Grundprinzipien der Funktionsweise des Netzes, als ein älterer Herr sich meldete und meinte, dass das zwar alles schön und gut sei. Aber der Kern des Problems sei doch, dass bei der Internetprotokollversion 6, auf die die Netzinfrastruktur derzeit stückweise umgestellt wird, bei den Datenschutzeigenschaften für Datenpakete ein Fehler gemacht worden sei, dass man diese nicht direkt verpflichtend aktiv in den Standard integriert habe. Haben Sie das nicht verstanden? Das ging dem Großteil des anwesenden Publikums nicht anders. Wir klärten es zu zweit am Ende der Veranstaltung.

Immer wieder, wenn ich an Diskussionsrunden teilnehme, Vorträge halte oder in Workshops Menschen die Logiken, technischen Gegebenheiten, anstehenden und oft kaum sichtbar stattfindenden Veränderungen und daraus resultierende Probleme erläutere, gibt es solche Phänomene: Leute, die sich zu einem Spezialvortrag verirren, dessen Idee nicht die Grundlagenvermittlung ist – und auf der anderen Seite solche, die offensichtlich noch nie etwas von diesem Internet gehört haben. Unschuldig zumeist: die Veranstalter, die klar beschrieben haben, worum es geht und auf welchem Niveau.

Und dann gibt es die speziellen Gäste – in zwei Varianten: den Koreferenten, dessen „Frage“ in erster Linie ein eigenständiger Diskussionsbeitrag sein soll – fortgeschrittene Koreferenten formulieren am Ende noch ein „meinen Sie das auch?“, um doch noch den Fragecharakter zu erhalten. Und dann ist da noch der Generalist. Der Generalist hat eine Stärke: Er kann überall und in jedem Kontext Anknüpfungspunkte für sein Thema finden. Ist man als Vortragender häufiger in derselben Stadt, kennt man seine Generalisten irgendwann. Sie tauchen bei Veranstaltungen auf, bei denen es um Internet und Verbraucherschutz, Internet und Pädagogik, Internet und Partizipation, Internet und irgendwas geht – um dann alle Anwesenden über die Vorteile eines bedingungslosen Grundeinkommens aufzuklären. Fortgeschrittene Generalisten nehmen dabei – quasi als Tarnung – sogar drei Stichworte aus der Veranstaltungsankündigung auf. Und nicht die wenigsten sind Stammgäste bei den immer gleichen Veranstaltern. Auch mit ihnen lohnt es sich zu unterhalten: Bleibt man nach einer Veranstaltung noch auf ein Getränk, kann man sie vorher um ihre Expertise bitten und fragen, welcher Wein empfehlenswert wäre. Zum Ratschlag bekommt man dann oft noch eine Verschwörungstheorie gratis hinzu. Wohl bekommt’s!

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