Zu Tode wiederholt : Aus der „House“?

Die RTL-Serie startet mit neuer, mit der verflixten siebten Staffel. Der Zuspruch schwächelt – was mehr die Schuld des Senders als des Produktes ist.

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Operation am offenen Hemd. Der Diagnosearzt (Hugh Laurie) hat gut lächeln. Seine Chefin, Lisa Cuddy, will eine Beziehung mit ihm wagen.
Operation am offenen Hemd. Der Diagnosearzt (Hugh Laurie) hat gut lächeln. Seine Chefin, Lisa Cuddy, will eine Beziehung mit ihm...Foto: RTL

„Und was jetzt?“, fragt Gregory House nach der Eingangssequenz. So einfach die Frage, so schwierig die Antwort. Denn dafür, dass die Antwort eine befriedigende Perspektive eröffnet, braucht es drei: House (Hugh Laurie), Lisa Cuddy (Lisa Edelstein) – und das Publikum. House und Cuddy sind versorgt, sie haben jetzt was miteinander, das mehr sein soll als Sex im Quadrat, doch wie sehr interessiert das die Zuschauer? „Dr. House“, die amerikanische Mediziner-Serie, geht beim Privatsender RTL in die siebte, die verflixte siebte Staffel.

Der scheinbar unbezwingbare RTL-Dienstag kriselt, nur „CSI: Miami“ kann dank neuer Folgen weiterhin überzeugen (selbst wenn frühere Höchstwerte nicht mehr drin sind); das gelingt „Psych“ nicht, „Law & Order“ nicht, das kulminiert bei „Dr. House“. Was im Mai 2005 begann und dann ob seiner herausstechenden Erzähldramaturgie, der Finesse und Werthaltigkeit der Produktion oder der so neuen Figur der krassen Arzt-Hauptfigur („Alle Patienten lügen“) wegen das Publikum mehr und mehr begeisterte, das ist seit Staffel V im Rückwärtsgang unterwegs (siehe Grafik). Und das Tempo nimmt zu.

RTL sieht das anders, für den Sender bedeuten die 22,1 Prozent Marktanteil beim werberelevanten Publikum während der Erstausstrahlung von Staffel VI ein sehr gutes Werbegeschäft. Die zwischengestreuten Wiederholungen liegen mittlerweile regelmäßig unter dem Senderschnitt, trotzdem bleibt „Dr. House“ im RTL-Programm ein Deal. Auch bei Staffel VII greift das verruchte Prinzip. Sie startet mit neun neuen Folgen, dann wird unterbrochen. Die Fortsetzung läuft dann im Herbst.

„House“ ist allen Fallepisoden zum Trotz eine Fernseherzählung, eine Menschengeschichte. Erzählungen bleiben nicht stehen, Menschen bleiben nicht stehen. Das Leben setzt nicht auf Wiederholung, aber RTL setzt darauf. Der kommerzielle Sender mag es für eine clevere Tat halten, aus einem Staffel- möglichst ein Ganzjahresprodukt zu machen. In der Erstausstrahlung geht und lebt House nach vorne, in der Wiederholung fällt er wieder zurück. Das ist widersinnig, ein Widerspruch zur narrativen Struktur der Figuren, es nervt. RTL traktiert die Wiederholung, wie House in seinen schlechten Phasen zum Schmerzmittel Vicodin greift.

These: ProSieben tut mehr für die Pflege seiner Produkte und des Publikumsvergnügens, wenn es am Serien-Mittwoch „Desperate Housewives“ und „Grey’s Anatomy“ (die zweite sehenswerte Arztserie im deutschen Fernsehen) als Höhepunkte begreift und beide Produktionen nur in Erstausstrahlungen zeigt. Das gibt Pausen, klar, und doch werden Neugier und Spannung neu entfacht.

„Dr. House“ bleibt die intellektuell interessanteste und anregendste Dramaserie im deutschen Primetime-Fernsehen dieser Tage, es ist, als würde ein Jonathan Franzen („Freedom“) die Drehbücher mitschreiben; weil es so ist, schaltet ein anspruchsvolles, ein waches Publikum ein, das mit einer Biedermannware wie „In aller Freundschaft“, der ARD-Variante vom Leben und seinen Risiken im Krankenhaus, nichts anzufangen weiß. Im Ersten ist es verboten, dass einer Sätze wie „Menschlichkeit wird überbewertet“ herausknurrt. Hier wird das Mantra „Alles wird gut“ zu Tode gepflegt.

Aber auch der ARD-Klassiker „In aller Freundschaft“ setzt seine Suchtstoffe sparsam ein. Im Ersten laufen nur Erstausstrahlungen, was mit Zuschauerquoten regelmäßig über sechs Millionen vergolten wird. Die Premierenorientierung bedeutet Markenpflege, wie sie sein muss.

Der Einsatz einer jeden Arzt-im-Krankenhaus-Serie ist eigentlich eine sichere Quotenbank. Es sehen mehr Frauen als Männer zu, so wie generell mehr Frauen als Männer fernsehen. Was Wunder, dass das ZDF mit „Herzflimmern – Die Klinik am See“ am Montag die erste „Medical Daily“ gestartet hat. Damit hat „Dr. House“ nichts zu tun, das ist definitiv anderes Fernsehen. Und auch die Zuschauer sind andere, wenn House mit Unterstützung seines Teams kurz vor dem Exitus des Patienten die Infektionskrankkeit desselben richtig diagnostiziert. Parallel und quer, auf jeden Fall dominant laufen die persönlichen Geschichten von House, Cuddy, von Robert Chase (Jesse Spencer), Remy „13“ Hadley (Olivia Wilde), Eric Foreman (Omar Epps), Chris Taub (Peter Jacobsohn) und James Wilson (Robert Sean Leonard). Wilson ist der einzige Freund von House, wobei nicht ausgemacht ist, wer unter wem mehr leidet.

Drehbuchautor David Shore spinnt die Fäden, an denen House und die Klinikgang zappeln. Das geschieht in einer Einheit aus Zeit, Raum und Handlung. Hier stets eine neue Aufladung zu finden, ist selbst für einen Könner wie Shore eine bedeutende Herausforderung. Liest man die Inhaltsangaben der neuen Folgen durch, muss der Appeal von Staffel VII eindeutig auf der Umsetzungsseite, bei Darstellung und Regie, liegen. Das sieht nach Schleife aus, nicht nach Aufbruch oder gar Ausbruch. Oder wird damit die Intelligenz der Macher unterschätzt?

Jetzt ist der Fan gefragt mit großem Interesse für die Antwort, ob House und Cuddy Berufs- und Privatleben parallelisieren können. Und warum verabschiedet sich „13“?

„Dr. House“, 21 Uhr 15, RTL

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